Politik

Finanzkrise muss keine Beschäftigungskrise werden

Dr. Nico Fickinger, Geschäftsführer, Arbeitgeberverband Gesamtmetall
Dr. Nico Fickinger, Geschäftsführer, Arbeitgeberverband Gesamtmetall

Aus der Krise heraus kommen wir nur durch das Engagement der Betriebe und ihrer Mitarbeiter, schreibt Dr. Nico Fickinger vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Politik und Gewerkschaften können das nicht richten – sie können bloß die Anstrengungen unterstützen. Er ist überzeugt: Nach der Rezession besteht die Chance, nicht auf einem höheren Erwerbslosensockel zu landen als vorher.

Die Metall- und Elektro-Unternehmen – sie repräsentieren zwei Drittel der deutschen Industrie – leisten zurzeit eine große Kraftanstrengung: Obwohl die Nachfrage einbricht und Bestellungen ausbleiben, halten sie an ihren Stammbelegschaften fest. Produktion und Auftragseingang lagen im ersten Quartal um 27 und 36 Prozent unter Vorjahresniveau, die Beschäftigung blieb dagegen nahezu stabil.

Ein solcher Personalüberhang lässt sich einige Monate schultern – zu Lasten der Gewinne und der Produktivität, die im ersten Quartal um fast 18 Prozent gesunken ist. Spiegelbildlich dazu steigen die Lohnstückkosten drastisch – von Januar bis März um fast 30 Prozent gegenüber Vorjahr. Eine solche Kraftanstrengung ist aber nicht unbegrenzt durchzuhalten. Irgendwann schlägt die Stunde der Wahrheit. Wenn die Nachfrage nicht wieder anzieht, wenn die Aufträge ausbleiben, müssen die Betriebe ihre Kapazitäten an das niedrigere Niveau anpassen. Das ist schmerzhaft, doch haben die Unternehmen oft keine andere Wahl, wenn sie nicht auch noch jene Arbeitsplätze gefährden wollen, die sie über die Krise retten könnten.

Die beschlossene Verlängerung des Kurzarbeitergelds auf bis zu 24 Monate mag in Einzelfällen helfen, Entlassungen zu vermeiden. Viel wichtiger aber ist es, die Betriebe in Zeiten knapper Liquidität von Kosten zu entlasten: Die Brücke muss nicht länger, sondern stabiler werden. So richtig es ist, den Unternehmen vom siebten Monat an sämtliche Sozialversicherungsbeiträge auf Kurzarbeit zu erlassen – so bedauerlich ist es, dass diese Erleichterung immer noch nicht beschlossen ist. Gerade jetzt muss alles getan werden, um möglichst viele Mitarbeiter in Beschäftigung zu halten, statt sie – wie es die Gewerkschaften anstreben – mit öffentlichen Subventionen in die vorzeitige Rente zu schicken.

Helfen kann man nicht nur durch Taten, sondern auch durch Worte. Hier scheint der Politik bisweilen das Feingefühl abhanden gekommen – und das Bewusstsein, wer die Triebfeder des nächsten Aufschwungs sein wird. Vor allem Gewerkschaften, aber auch mancher Sozialdemokrat, schmäht Unternehmer häufig pauschal als „Krisengewinnler“, „Finanzhaie“, „Boni-Jäger“ und „Turbokapitalisten“.

Natürlich hat es in der Krise auch unternehmerisches Fehlverhalten gegeben, haben Manager versagt, hat sich manch ein Firmeneigentümer mit Akquisitionen überhoben – und wird jetzt pikanterweise ausgerechnet von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten gedeckt. Doch die Mehrzahl der Unternehmer hat vorbildlich agiert – nicht nur im Aufschwung, in dem sie investiert und Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch im Abschwung, in dem sie intelligent gespart und investiert und Beschäftigung gesichert haben.

Wollen wir die Krise meistern, dürfen wir die Unternehmen nicht vergraulen. Die Politik hat den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert – das war richtig und angemessen, um nicht noch stärker in den Abwärtsstrudel hinein zu geraten. Doch aus der Krise heraus kommen wir nur durch das Engagement der Betriebe und ihrer Mitarbeiter. Das können Politik und Gewerkschaften nicht richten – sie können bloß unsere Anstrengungen unterstützen.

Das ist kein Plädoyer für ein unreflektiertes „Weiter so wie vorher!“ Doch unverändert gilt, dass nur die Wirtschaft Arbeitsplätze schafft und dass erst Wachstum den sozialen Ausgleich ermöglicht. Wachstum ist also kein Selbstzweck; es kommt allen zugute: Die Steuereinnahmen sprudeln, die Sozialversicherungen können Reserven bilden, die Bürger haben mehr Geld im Portemonnaie. Künftig brauchen wir sogar noch höhere Wachstums­raten als bisher, denn anders kann eine schrumpfende Bevölkerung ihren Lebensstandard nicht halten.

Wir dürfen deshalb die Dynamik nicht behindern – nicht in der Wirtschaft und nicht auf dem Arbeitsmarkt. Gerade hier haben uns die mit der „Agenda 2010″ begonnenen Weichenstellungen eine beträchtliche Reformdividende eingebracht: Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen geringere Beiträge – das begünstigt Einstellungen und belässt den Beschäftigten mehr Netto vom Brutto; das Tempo der Vermittlung wächst – und verbessert die Einstiegschancen für Erwerbslose. Erstmals haben wir die Chance, nach der Rezession nicht auf einem höheren Erwerbslosensockel zu landen als vorher. Diese Chance sollten wir nicht leichtfertig durch eine Regulierung der Zeitarbeit, die Ausweitung von Mindestlöhnen oder eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes verspielen.

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