Enquete

Die Sicherung des Erbes der digitalen Gesellschaft

Dr. Reinhard Brandl
Dr. Reinhard Brandl

Die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringt in zunehmenden Maße das Berufs- und Privatleben der Bevölkerung. Im Jahr 2008 nutzten in Deutschland 76 % der Personen ab einem Alter von zehn Jahren einen Computer. 60 % der Beschäftigten griffen während ihrer Arbeitszeit regelmäßig auf einen PC zu. Tendenz steigend.

Wissen und Arbeitsergebnisse werden heute nicht mehr nur in Aktenschränken abgelegt, sondern auf Festplatten oder in Datenbanken gespeichert. Der hohe Nutzen der IT ist dabei unumstritten. Der konventionelle Aktenschrank hat aber einen entscheidenden Vorteil. Wenn er in 50 Jahren geöffnet wird, können wir uns sicher sein, dass die Inhalte darin immer noch lesbar sind. Bei digitalen Daten ist dies nicht unbedingt gewährleistet.

Mal abgesehen davon, dass die Daten in der Zeit mehrmals umkopiert werden müssen, besteht das Risiko, dass kein Programm mehr verfügbar ist, mit dem die Informationen ausgelesen werden können. Während in den meisten Großunternehmen Strategien zur langfristigen Datenarchivierung vorliegen, fehlt in kleineren Unternehmen und in Privathaushalten dafür oft das Bewusstsein bzw. die Mittel zur regelmäßigen Konvertierung der Daten in aktuelle Formate.

Wir laufen so Gefahr, in Zukunft auf große Teile unseres Wissens nicht mehr zugreifen zu können. Der wirtschaftliche aber auch der kulturelle Schaden wäre immens.

Ein Weg zur Reduzierung dieses Risikos wäre die konsequente Nutzung offener Standards und Datenformate. Im Bereich des Internets wurde das zum großen Teil bereits umgesetzt. HTML ist ein gutes Beispiel für ein offenes Format. Selbst wenn die Fraktion diesen Blogbeitrag einmal aus dem Netz nehmen und einem Archiv übergeben würde, würde es immer ausreichend Software geben, um ihn wieder auszulesen. Bei den Dokumenten, die auf unseren Festplatten in herstellerabhängigen Formaten gespeichert sind, ist dies nicht unbedingt gewährleistet.

Wenn wir in der Enquete-Kommission über die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft sprechen, müssen wir uns zwingend auch diesem Thema annehmen.

Zur Verbreitung offener Standards hat die Große Koalition bereits in der letzten Legislaturperiode einen Antrag eingebracht (Bundestags-Drucksache 16/5602). Wir werden uns die Frage stellen müssen, ob die darin enthaltenen Forderungen nach der Förderung offener Standards in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft ausreichen oder ob wir als Gesetzgeber und als Marktteilnehmer noch stärker aktiv werden müssen. Ich meine ja.

Dr. Reinhard Brandl (CSU) ist seit 2009 Bundestagsabgeordneter und ordentliches Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft”. Er hat 2007 an der Technischen Universität München in Informatik promoviert.

Hinweis: Der Deutsche Bundestag stellt übrigens seine Dokumente im Format PDF (Portable Document Format) zur Verfügung. PDF war ursprünglich ein proprietäres Format von Adobe Systems, wurde aber in der Zwischenzeit als frei zugänglicher internationaler Standard u.a. auch zur Langzeitarchivierung von Dokumenten veröffentlicht (ISO 19005 PDF/A)

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