Enquete, Forschung

Open Access: konsequent oder unverschämt?

Michael Kretschmer
Michael Kretschmer

Die Emotionen kochen hoch, sogar von Enteignung ist die Rede. Geht es um Open Access, wird heftig und unversöhnlich gestritten. Wissenschaftler ringen darum, ob und wann und wie ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Was den einen als Befreiung erscheint, ist für andere Nötigung.

Publikationen aus öffentlich geförderter Forschung sollen für alle Bürger kostenfrei online nachlesbar sein, fordert etwa eine Petition an den Bundestag. Konkret geht es um den „Grünen Weg“ des Open Access: eine Forschungsarbeit kann künftig zwar wie gehabt in einem Verlag erscheinen, der Autor aber hat parallel das Recht, sie kostenfrei in einer öffentlichen Datenbank anzubieten. Beim „Goldenen Weg“ wiederum ist die Arbeit sofort mit Erscheinen in einer Zeitschrift weltweit frei zugänglich.

Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen unterstützt Open Access, es gehe um die Publikation von Ergebnissen, die mit öffentlichen Mitteln „zum Nutzen von Forschung und Gesellschaft insgesamt erarbeitet“ worden sind. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) treibt Open Access sowohl mit Datenbanken voran, in die Autoren ihre Beiträge mit Billigung der Verlage einstellen, wie auch mit Beihilfen, um Veröffentlichungen in genuinen Open Access-Zeitschriften zu finanzieren.  Die Motive liegen auf der Hand: Die Förderorganisationen stört, dass die Geförderten oft nicht alleiniger Herr ihrer Veröffentlichung sind. Publikationen sind die „Währung“, der „Goldstandard“ der Wissenschaft, so DFG-Präsident Matthias Kleiner. Je renommierter das Fachjournal, desto besser ist dies auch für die Reputation des Forschers. So weit, so unbestritten. Was die Förderer ärgert ist, dass viele Wissenschaftler Nutzungsrechte abtreten und Verlagen zumindest für begrenzte Zeit die ausschließlichen Rechte an der Vervielfältigung und Verbreitung überlassen müssen. Mit dem Effekt, dass der wissenschaftliche Urheber das Werk nur mit Zustimmung des Verlages und in der Regel frühestens ein Jahr nach Erscheinen anderweitig verbreiten, etwa in Datenbanken bereitstellen darf. Hinzu kommt, dass Forscher in der Regel fertig lektorierte, formatierte und begutachtete Manuskripte an Verlage abliefern müssen, ihnen aber dennoch für Farbabbildungen oder Graphiken in Zeitschriftenartikeln zusätzlich Druck- und Publikationskosten berechnet werden.  Die Veröffentlichung ist daher meist mindestens einmal, oft sogar mehrfach subventioniert.

Das muss sich ändern: Wo Ergebnisse aus staatlich geförderter Forschung hervorgehen und in Fachzeitschriften mit Peer Review veröffentlicht werden, muss eine parallele, zeitgleiche Veröffentlichung in einer offenen Datenbank möglich sein. Andernfalls wird das Forschungswissen von den Förderern nochmals bezahlt, denn es muss zum Nachlesen zurückgekauft werden.

Gegen diese Öffnung aber regt sich bei Verlagen und Autoren Widerspruch. Für den Literaturwissenschaftler Roland Reuß läuft die Open-Access-Richtlinie der DFG auf „kollektive Enteignung“ hinaus. Was freilich auf einem gewollten Missverständnis beruht. Die DFG verlangt von Herausgebern und Verlagen nur in einem einzigen Programm, dass sämtliche Beiträge auch in einem fachlichen oder institutionellen Repositorium eingestellt werden müssen. Im Übrigen fordert sie alle Projektnehmer auf, möglichst auch im Open Access zu publizieren, doch bleibt das dem Autor überlassen. Von beschnittenen Autorenrechten kann somit keine Rede sein.

Knapp 11 Milliarden Euro stellt allein der Bund 2010 für Forschung und Bildung bereit. Wenn also dort, wo Forschung aus Steuermitteln finanziert wird, die Ergebnisse zugleich in öffentlichen Datenbanken kostenfrei nachlesbar sein müssten – wäre das nun konsequent oder unverschämt?

Dass man der Öffentlichkeit zugesteht, zu erfahren, was mit ihrem Steuergeld gefördert worden ist, stellt niemand in Frage. Und die vermeintlich kostenfreie Lektüre? Ist mit Milliarden für die Forschung abgegolten. Bleibt die Frage nach dem Recht des Autors. Viele Forscher befürworten Open Access; als Leser, die auf freien Wissensfluss angewiesen sind, und auch als Autoren. Von Open Access versprechen sie sich gerade mehr Rechte am eigenen Werk und eine größere Verbreitung. Förderung, nicht nur öffentliche, ist zudem immer an Bedingungen geknüpft. Jedem steht frei, diese und damit eine Förderung abzulehnen.

Es spricht viel dafür, in Deutschland Open Access zur Bedingung öffentlicher Förderung zu machen. Der Steuerzahler ist einer der großzügigsten deutschen Forschungsförderer, er darf mit Recht freien Zugang zu den Ergebnissen einer Forschung erwarten, die es ohne seine Unterstützung nicht gebe. Verlage sollten, statt Autorenrechte vorzuschieben, zu ihren Verwertungsinteressen stehen. Die Parallelveröffentlichung ist nicht ihr Ruin: Verlage, deren Schriften einen Mehrwert liefern, werden auch künftig zahlende Leser finden. Die Wissenschaftsorganisationen schließlich dürfen Open Access mit breiter Brust vorantreiben: Sie sind Sachverwalter öffentlicher Mittel, die für ein effektive Ausgabenpolitik zum Wohle von Forschung und Gesellschaft Verantwortung tragen.

Michael Kretschmer ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seit acht Jahren ist er Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. Er gehört u.a. dem Senat der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und dem Senat der Leibniz-Gemeinschaft an.

Hinweis: Dieser Text erschien in gekürzter Fassung am 23. Juni 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die Open-Access-Petition bei petitionen24.de

8 Kommentare zu »Open Access: konsequent oder unverschämt?«

  1. Wenke Richter schrieb:

    So einfach, wie der Beitrag das Problem schildert, ist die Lage eben doch nicht! Mehrere Punkte wurden – wohl auch bzgl. der Länge des Beitrags – übergangen. Zuerst sollte man ganz genau definieren, was öffentliche Forschung ist: hier gibt es in der Realität mehr Mischformen, so erhält ein Doktorand zwar ein kleines Stipendium in Höhe von 600 EUR, finanziert aber den Rest aus eigener Tasche – öffentliche Forschung: ja oder nein? (verpflichtende) Teilnahme am Uni-Kolloquium – öffentliche Forschung: ja oder nein? Zweitens widerspricht ein Zwang zu Open Access der Publikationsfreiheit des Wissenschaftlers, die im GG verankert ist. Eine Kann-Regelung ist besser! Drittens: einfach ein Dokument ins Netz stellen, ist für Publizieren zu kurz gesprungen: wer pflegt das System, wer bezahlt es, wer setzt das Ganze, wer verbreitet es? Viertens: auch Open Access kostet Geld, nämlich mind. die Serverkosten. Fünftens: Langzeitarchivierung? Diese Fragen müssen vor einer Zwangsoa geklärt werden!

  2. Sven Türpe schrieb:

    Doch doch, einfach ein Dokument ins Netz stellen genügt. Nach meiner persönlichen — nicht repräsentativen — Erfahrung sind „Systeme“ und „Datenbanken“ in diesem Zusammenhang sogar kontraproduktiv, weil allzu oft nur unbrauchbare Datengräber. Aber der Reihe nach:

    1) Das Netz ist das System, da gibt es nichts zu pflegen und zu bezahlen.
    2) Die Autoren setzen, bzw. lassen sie LaTeX setzen.
    3) Woanders als bei Google Scholar sucht eh keiner mehr.
    4) Welche Forschungseinrichtung kann sich keine Website leisten?
    5) Die DNB sammelt Netzpublikationen.

    Können wir die Scheinprobleme jetzt bitte endlich begraben und das legalisieren, was Teile der Forschung ohnehin bereits erfolgreich tun?

  3. Wenke Richter schrieb:

    @ Sven Türpe
    nun ja, ich sehe die zwar verkürzten, aber dennoch die Problematik umreißenden Fragen nicht gerade als Scheinprobleme. Zahlreiche Wissenschaftler nutzen mehr als google scholar zur Recherche. Seit mehr als 500 Jahre gibt es eine Setzerkunst, durch die Texte typographisch lesbar werden. Von Laien gesetzte Texte sind oft so schlecht gesetzt, daß die Inhaltsvermittlung leidet. Ein Setzer kostet aber auch Geld (achja, wir hatten ja schon mal Universitätssetzer gehabt ;-)). Server müssen bezahlt werden, genauso Repositorien, CMS etc. Die Auffindbarkeit von Texten erfolgt über Metadaten > wildes Kraut-und-Rüben-Gewächs hilft da wenig bei der Recherche. Das alles kostet Geld und Fachleute. Zudem noch mal der Hinweis auf die Publikationsfreiheit. Open Access als eine Alternative ja, aber bitte keinen Zwang!

  4. Denis Barthel schrieb:

    Vor einigen Jahren wollte ich ein Heft einer botanischen Fachzeitschrift bekommen, aus einem bekannten deutschen Wissenschaftsverlag. Alle Beiträge darin waren mit öffentlichen Mitteln gefördert worden. Für das 100-seitige Heft, noch einmal separat gefördert von der DFG und nicht dicker als eine SPIEGEL-Ausgabe, sollte ich beim Verlag geschlagene 146 EURO bezahlen. Als einer derjenigen Steuerzahler, die mit ihren Steuern zur Entstehung dieses und ähnlicher Hefte beitrugen, empfand ich das in der Tat als unverschämt.

    Seien sie sich sicher: im Netz hätte ich die Artikel des Heftes gefunden. Egal auf welchem Server sie gelegen hätten.

    Ein Wissenschaftler, der dem „Zwang zu Open Access“ per „Publikationsfreiheit des Wissenschaftlers, die im GG verankert ist“ entkommen möchte, hat übrigens eine einfache Möglichkeit: auf öffentliche Gelder verzichten.

    „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – Auch das Worte des Grundgesetzes. Mahnende.

  5. Pingback Politik entdeckt Open Access « Wissenschaft und Neue Medien

  6. Christian Reinboth schrieb:

    Ich finde den von Herrn Kretschmer hier unternommenen Vorstoß großartig. In der Tat ist es alles andere als befriedigend, wenn staatliche Hochschulen an anderen staatlichen Hochschulen erarbeitete und mit Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse unter Aufwendung weiterer Steuergelder von den Verlagen zurückkaufen müssen, wie es heute leider Praxis ist. Der Vorschlag, die Vergabe öffentlicher Mittel an eine freie Verfügbarmachung der Ergebnisse zu binden, hat daher meine volle Unterstützung.

    Zu beachten wären im legislativen Prozess allerdings die Auswirkungen eines Fehlens namhafter Publikationen auf die universitäre Karriere, sollten sich Verlage weigern, einer Zweitveröffentlichung via Open Access zuzustimmen und dem Forscher damit vor die Wahl zwischen Fördergeldern und karrierfördernden Publikationen stellen. Eine Aufwertung von Open Access-Publikationen aus Sicht des Gesetzgebers könnte bzw. sollte daher mit der von Herrn Kretschmer vorgeschlagenen Initiative einhergehen.

  7. Dr. Klaus Graf schrieb:

    Es ist erfreulich, dass auch ein Vertreter von CDU/CSU die Notwendigkeit für Open Access für öffentlich geförderte Forschung anerkennt. Öffentliche Mittel finanzieren die Forschung und viele den Autoren (sprich: Institutssekräterin) aufgebürdete redaktionelle Arbeiten, Bildrechte und die Bibliotheken, die die Ergebnisse von den Verlagen zurückkaufen müssen.

    Wie die Verlage die Bibliotheken wie Zitronen ausquetschen zeigt der Streit zwischen der U. of California und der Nature Group, siehe
    http://archiv.twoday.net/topics/Open+Access/

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