Politik, Wirtschaft

„Ohne qualifizierten Nachwuchs steht die Existenz von Unternehmen auf dem Spiel“

Dr. Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), diskutiert beim Fachgespräch „Attraktive Arbeit für Fachkräfte“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion die Frage, wie Unternehmen angesichts des demographischen Wandels gute Mitarbeiter halten und gewinnen können.

Weshalb müssen wir uns überhaupt Gedanken über einen Fachkräftemangel in Deutschland machen? Vor welchen Herausforderungen stehen Politik und Wirtschaft?

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hängt entscheidend von qualifizierten Fachkräften ab. Umso bedenklicher ist, dass Fachkräfteengpässe in vielen Branchen und Regionen zunehmen. Engpässe gibt es schon jetzt vor allem bei Ingenieuren – aktuell können fast 50.000 Stellen nicht besetzt werden. Im Pflegebereich fehlen bereits heute 30.000 Fachkräfte und auch bei Facharbeiterberufen, vor allem in der Metall- und Elektroindustrie, wird der Nachwuchs knapp. Gerade in Ostdeutschland ist der Bewerberrückgang auf dem Ausbildungsmarkt dramatisch. Ohne qualifizierten Nachwuchs steht die Existenz von Unternehmen auf dem Spiel.

Der demografische Wandel wird die schon heute bestehenden Probleme der Unternehmen, genügend qualifizierte Arbeitnehmer zu finden, in den nächsten Jahren weiter verschärfen. Bis zum Jahr 2030 werden mehr als 5 Mio. Arbeitskräfte fehlen, knapp die Hälfte davon mit Hochschulqualifikation. Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen wollen, brauchen wir daher zügig ein umfassendes und schlüssiges Gesamtkonzept zur Fachkräftesicherung.

Welche politischen Projekte müssen Ihrer Meinung nach angestoßen werden, um einem künftigen Fachkräftemangel wirksam zu begegnen?

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren, aber auch von Migranten und Menschen mit Behinderung muss weiter erhöht werden. Hier wurde in den letzten Jahren schon viel erreicht. Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehören genauso längst zur betrieblichen Realität wie altersgemischte und interkulturelle Teams. Es gibt aber nach wie vor viele Beschäftigungshemmnisse, die einer besseren Ausschöpfung unserer Potenziale entgegenstehen. Dazu zählen eine unzureichende Kinderbetreuungsinfrastruktur und Versäumnisse im Bildungssystem, aber auch Probleme bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen und fortbestehende Fehlanreize zur Frühverrentung. Alle diese Punkte müssen angegangen werden. Parallel dazu müssen wir unseren Arbeitsmarkt stärker für qualifizierte Zuwanderer öffnen. Die Abschaffung der bürokratischen Einzelfall-Vorrangprüfung – mindestens für Mangelberufe – ist dazu ein erster wichtiger Schritt. Mittelfristig brauchen wir eine gezielte, am Arbeitsmarktbedarf orientierte Zuwanderung.

Was können die Unternehmen tun, um Arbeit für Fachkräfte attraktiver zu machen?

Die Betriebe engagieren sich bereits in vielfältiger Weise, um ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern. Jedes Jahr werden weit über 50 Milliarden Euro in die betriebliche Aus- und Weiterbildung investiert. Eine wesentliche Voraussetzung für die Gewinnung von Fachkräften ist zudem eine an den unterschiedlichen Lebensphasen orientierte Personalpolitik. Nahezu alle Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern z. B. flexible Arbeitszeiten oder Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, um gezielt mehr Frauen als Fachkräfte zu gewinnen und ältere Mitarbeiter länger im Betrieb zu halten. Zugleich setzen Unternehmen zunehmend auf die Kompetenzen von Menschen mit Migrationshintergrund. Um vermehrt Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, bieten immer mehr Unternehmen besondere Starthilfe für den Umzug nach Deutschland. Diese Hilfe reicht von der Wohnungssuche bis zur Unterstützung des Ehepartners bei der Arbeitssuche. Dies sind Beispiele für eine Willkommenskultur, wie wir sie in Deutschland insgesamt brauchen.


Ein Kommentar zu »„Ohne qualifizierten Nachwuchs steht die Existenz von Unternehmen auf dem Spiel“«

  1. Werner Paetz schrieb:

    Mich ärgert das Gejammere der Firmen nach fehlenden Fachkräften! Schuld haben sie doch selber mit ihrer verfehlten Personalpolitik. Jeder muss in die Zukunft investieren, also auch die Firmen dadurch dass sie das erforderliche Personal rechtzeitig ausbilden. Aber Ausbildung ist teuer und im Rahmen der Gewinnmximierung wurde dieser Punkt gestrichen bzw. vernachlässigt. Jetzt schlägt diese Sünde voll durch. Ich stehe auf dem Standpunkt, Firmen die die Nachwuchsausbildung sträflich venachlässigt haben, haben Pech gehabt. Es wird sicherlich genügend Firmen geben, die in die sich öffnende Bresche springen werden. Wenn ich als Bürge nicht für die Zukunft vorsorge, habe ich halt auch ein Problem, bei dem mir keiner hilft, siehe auch die vielen Rentner, die infolge der knappen Kassen immer weniger bekommen, weil das Geld aus den vollen Rentenkassen früher sachfremd „verbraten“ wurde. Plötzlich ist das Geschrei groß, dass nicht mehr genug Geld in den Kassen ist.

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