Politik, Wirtschaft

„Bessere Arbeit wird im Wettbewerb um qualifiziertes Personal immer wichtiger“

Dr. Regina Görner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Industriegewerkschaft Metall und erläutert im Vorfeld ihrer Teilnahme am Fachgespräch „Attraktive Arbeit für Fachkräfte“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, welches Arbeitsumfeld ein Unternehmen bieten und welche Rahmenbedingungen die Politik schaffen muss, um auch künftig qualifizierte Fachkräfte anzuziehen.

Weshalb müssen wir uns überhaupt Gedanken über einen Fachkräftemangel in Deutschland machen? Vor welchen Herausforderungen stehen Politik und Wirtschaft?

In den nächsten Jahren wird es zunehmend schwieriger werden, ausscheidende Fachkräfte durch Schul- und Hochschulabgänger zu ersetzen. Dabei scheiden – regional unterschiedlich ausgeprägt – in den nächsten Jahren immer mehr Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben aus, Schulabgänger gibt es dagegen immer weniger. In einigen Jahren wird deren Zahl nicht mehr ausreichen, die Abgänge vollständig zu ersetzen. Hausgemachte Versäumnisse beschleunigen den Prozeß: In den vergangenen Jahren sind viel zu viele Jugendliche ohne Ausbildung geblieben. Fachkräftepotentiale blieben und bleiben ungenutzt, weil Unternehmen immer noch nicht verstehen, dass sie künftig auch aus schwächeren Schülern gute Fachkräfte rekrutieren müssen. Den Schlüssel dazu haben die Unternehmen selbst in der Hand: die duale Berufsausbildung und duale Studiengänge. Zudem liegen viele Fachkraftpotentiale brach, weil die Weiterbildungskultur in der deutschen Wirtschaft die weniger gut Vorqualifizierten viel zu oft links liegen läßt. Die Hochschulen schotten sich nach wie vor gegenüber Berufserfahrenen ohne formalen Hochschulzugang ab. Weniger attraktive Ausbildungsberufe und Unternehmen werden die Folgen als erste zu spüren bekommen.

Welche politischen Projekte müssen ihrer Meinung nach angestossen werden, um einem künftigen Fachkräftemangel wirksam zu begegnen?

Die formale Öffnung des Hochschulzugangs ohne Abitur muß mit Förderprojekten flächendeckend begleitet werden, damit Lebensältere keine unzumutbaren Wohlstandsverluste erleiden, wenn sie sich zu einem Studium oder einem nachgeholten Ausbildungsabschluß entschließen. Dazu sind auch Freistellungsansprüche für Qualifizierungsphasen in die Überlegung einzubeziehen. Jugendliche und junge Erwachsene, die in den letzten Jahren keine Chancen auf einen Ausbildungsplatz erhalten haben, brauchen eine zweite Chance. Ohne eine Reform der Finanzierungsstrukturen der beruflichen Bildung werden die Ausbildungspotentiale nicht genutzt werden können. Erforderlich sind Umlagesysteme, ggf. auch auf tarifvertraglicher Basis, die die Beteiligung der gesamten Wirtschaft an den Kosten der dualen Ausbildung sicherstellen (z.B. wie in Dänemark). Die Politik muß vor allem die Anreizstrukturen für prekäre Beschäftigung beseitigen, damit Junge und Ältere erkennen können, dass sich  die Investition in Bildung und Qualifizierung lohnt. Vor allem die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund in das Bildungs- und Berufsbildungssystem ist gezielter zu fördern. Die Politik sollte die Unternehmen ermutigen, Schulabgängern mit schlechteren Voraussetzungen in der betrieblichen Berufsausbildung endlich ein Chance zu geben. Dazu gehört z.B. die Förderung strukturierter Vorausbildungsphasen zur Verbesserung der Ausbildungsfähigkeit (z.B. TVFAF in NRW)

Was können die Unternehmen tun, um Arbeit für Fachkräfte attraktiver zu machen?

Tarifbindung und bessere Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, strukturierte Personalentwicklungsmodelle, die die Wünsche der Beschäftigten berücksichtigen, sichere Arbeitsverhältnisse, die Lebensplanung, ökonomische Stabilität und berufliche Entwicklung ermöglichen, der Verzicht auf prekäre Arbeitsverhältnisse, bessere Arbeits- und Entgeltbedingungen  – alles in allem: bessere Arbeit wird im Wettbewerb um qualifiziertes Personal immer wichtiger werden. Entscheidend wird die Frage sein, ob die Unternehmen endlich begreifen, dass sie die besten Instrumente für die Gewinnung qualifizierten Personals selbst in der Hand haben: Nicht zuletzt die duale Berufsausbildung, aber auch die Bereitschaft zur Ausgestaltung bildungsförderlicher Arbeitsplätze sowie die Bereitschaft zur Investition in die Köpfe von Menschen, die sich mit einem Unternehmen und seinen Produkten langfristig identifizieren können, werden entscheidende Wettbewerbsvorteile sein.

Statement von Dr. Regina Görner beim Fachgespräch Attraktive Arbeit für Fachkräfte (PDF)

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