Wachstumsenquete

Wirtschaftswachstum: Keine Antwort auf die Sinnfrage

Prof. Dr. Meinhard Miegel

Die Einsetzung der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der sozialen Marktwirtschaft“ kann als eine späte Reaktion auf unerfüllt gebliebene Anliegen aus der Frühphase der Bundesrepublik Deutschland gesehen werden. Bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde namentlich von Exponenten der sozialen Marktwirtschaft thematisiert, was heute erneut thematisiert wird. So schrieb Ludwig Erhard 1957 „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gesellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen oder ob es nicht sinnvoller ist unter Verzichtleistung auf diesen ‚Fortschritt‘ mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“ Und weiter: „Während in der Aufbauphase unserer Wirtschaft die dräuende Not materiellen Fragen zwangsläufig einen Vorrang gab, werden sich mit Blick auf die Zukunft die Wertakzente mehr auf eine menschenfreundlichere Gestaltung der Umwelt verlagern.“ Und schließlich: „Dies sei klar: Wohlstand ist eine Grundlage, aber kein Leitbild für die Lebensgestaltung“. Vielmehr sei es uns aufgegeben, „den Menschen mit seiner Umwelt zu versöhnen und wieder eine Harmonie im Ganzheitlichen zu finden.“

Diese Töne fanden zur damaligen Zeit nur mäßige Resonanz und waren in den folgenden Jahrzehnten kaum noch zu vernehmen. Jetzt aber werden sie erneut gehört und zwar deutlicher als je zuvor. Denn die Richtigkeit jener Einsichten hat sich inzwischen eindrucksvoll bestätigt. Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung sind zwar noch immer bedeutsam, geben aber abnehmend Antwort auf die Sinnfrage, auf die jede Gesellschaft eingehen muss. Darüber hinaus sind Grenzen des bisherigen Wirtschafts- und Lebensmodells sichtbar geworden, die vor 50 Jahren nur erahnt werden konnten.

Damit ist der Zeitpunkt gekommen, in der gerade Unionspolitik, indem sie einen Bogen auf früher Gedachtes und Gewolltes zurückschlägt, die Grundlage für künftig Mögliches und Erforderliches schafft. Die Enquete-Kommission hat hierfür unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts Grundlagen zu legen.

Prof. Dr. Meinhard Miegel ist Vorsitzender des Vorstandes des Denkwerks Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung und Sachverständiger in der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“

Diskussionsbeitrag schreiben