Wachstumsenquete

Wachstum mit Leitplanken, Entscheidungen mit Nachhaltigkeit

Prof. Dr. Kai Carstensen
Prof. Dr. Kai Carstensen
Elisabeth Wieland
Elisabeth Wieland

Sind dem Wachstum in Deutschland Grenzen gesetzt und niedrigere Wachstumsraten überhaupt mit unserem Sozial- und Wirtschaftssystem zu vereinbaren? Wie lässt sich Wachstum nachhaltig und damit umwelt- und generationengerecht gestalten? Und wie können Wohlstand und gesellschaftlicher Fortschritt über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hinaus gemessen werden? Dies sind zentrale Fragen, mit denen sich die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ aktuell beschäftigt.

Tendenziell rückläufige Wachstumsraten in allen Industrienationen

Wachstumsskeptiker sehen vor allem aufgrund endlicher Ressourcen langfristig die Grenzen des Wachstums erreicht. Betrachtet man die Veränderung des realen BIP in Deutschland innerhalb der vergangen Jahrzehnte, so ist hier tatsächlich ein sich abflachender Wachstumstrend zu beobachten. Im Zeitraum 1951-1970 lag der BIP-Anstieg im Schnitt bei 6,4 Prozent pro Jahr, während er in den Jahren 1971 bis 1989 im Mittel nur 2,5 Prozent betrug. Werden Jahre mit verzerrten Wachstumsraten aufgrund der Wiedervereinigung und der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise ausgeblendet, so ist das reale BIP zwischen 1995 und 2007 durchschnittlich gerade mal um 1,6 Prozent gestiegen. In den kommenden Jahren dürfte die konjunkturbereinigte sogenannte Potenzialwachstumsrate eher noch darunter liegen. Diese Tendenz rückläufiger Wachstumsraten ist jedoch in allen Industrienationen zu beobachten und lässt vermuten, dass die relativ hohen Zuwächse in der unmittelbaren Nachkriegszeit historisch bedingte Ausnahmen waren.

Wirtschaftswachstum als Ergebnis des Strebens nach Wohlstand

Grundsätzlich ergibt sich Wirtschaftswachstum endogen aus dem Streben des Menschen nach Wohlstand. Dies gelingt am besten im Wettbewerb, ergänzt um einen Ausgleich zwischen den mehr und weniger Erfolgreichen – und damit im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft. Dabei geht die gern geführte Diskussion über die „richtige“ Höhe des Wachstums am Kern der Sache vorbei. Wenn Wachstum endogen ist, muss es für die Politik darum gehen, dem Wettbewerb die richtigen Leitplanken zu geben, damit er nicht zu unerwünschten Ergebnissen führt. Diese Leitplanken betreffen Aspekte wie soziale Gerechtigkeit und Teilhabe, Bildungszugang und Umweltqualität. Dies alles muss immer wieder austariert werden. Neben dem BIP-Wachstum als Maßstab für die wirtschaftliche Performance eines Landes sollten dafür vielfältige Aspekte des Wohlstands und der Lebensqualität als ergänzende Politikinformation herangezogen werden.

Wohlstandsindikatoren – Wertentscheidungen

Die Entwicklung eines Sets an Wohlstandsindikatoren ist ein zentraler Bestandteil der Arbeit im Rahmen der Enquete-Kommission. Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission sowie der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (PDF) in Zusammenarbeit mit seinem französischen Ebenbild, dem Conseil d’ Analyse Économique haben mit ihren Expertisen bereits eine beachtenswerte Grundlage für ein mögliches Indikatorensystem geschaffen. Letztlich gilt jedoch: welche Wohlstandsaspekte besonders stark berücksichtigt werden sollen und anhand welcher Richtschnur deren Fortschritt zu bewerten ist, sind Wertentscheidungen. Hier ist nicht die Ökonomie sondern die Politik gefordert, im Wettstreit um die meisten Stimmen das überzeugendste Konzept vorzulegen.

Ressourceneffiziente und nachhaltige Technologien fördern

Fernab von seiner aktuellen Höhe ist nicht zuletzt die Nachhaltigkeit des Wachstums entscheidend. Hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs wird erwartet, dass der Material- und Energiebedarf aufholender Schwellenländer wie Indien und China auch künftig stark zunehmen wird. Daher ist es für relativ rohstoffarme Länder wie Deutschland, dessen wirtschaftliche Abhängigkeit von Energieimporten kontinuierlich gestiegen ist, umso wichtiger, ressourceneffiziente Technologien voranzutreiben. Auch die Energiepolitik muss sich an den Erfordernissen der Nachhaltigkeit orientieren. Aufgabe der Energiepolitik ist es, bei der Sicherung der Energieversorgung Effizienz gegen Kosten und Risiken abzuwägen. Da es hier um die langfristigen Perspektiven unserer Volkswirtschaft geht, sollten tagespolitische oder wahltaktische Überlegungen bei Entscheidungen zur Energieversorgung keine Rolle spielen.

Prof. Dr. Kai Carstensen ist Leiter des Bereichs Konjunktur und Befragungen am ifo Institut für Wirtschaftsforschung, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Konjunkturforschung, an der Universität München und Sachverständiger der Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft”.

Elisabeth Wieland ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität München.

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