Politik

Präimplantationsdiagnostik – Raum mit engen Grenzen

Prof. Dr. Norbert Lammert gehört zu den Initiatoren und Unterstützern eines Gesetzentwurfes, der die Präimplantationsdiagnostik grundsätzlich verbietet. Dieses Verbot wird nur aufhoben, wenn der Embryo eine schwerwiegende, nicht behandelbare Erkrankung hat, hervorgerufen durch einen genetischen oder chromosomalen Defekt, beruhend auf einer genetischen Disposition der Eltern – so dass das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Schwangerschaft oder des ersten Lebensjahres sterben würde. Schwere Krankheiten, die erst im späteren Lebensverlauf auftreten, wie zum Beispiel Chorea Huntington, würden von diesem Verbot der PID umfasst. Kriterium für die Zulassung ist also die Lebensfähigkeit des Embryos. Über die Zulassung der PID soll eine Ethikkommission im Einzelfall entscheiden. Die rechtswidrige Vornahme einer PID ist mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe strafbewährt. Es wird darüber hinaus eine Pflicht zur medizinischen und psycho-sozialen Beratung der Eltern und die Durchführung der PID in lizensierten Zentren vorgesehen.

Am 14. April wird im Bundestag darüber debattiert. Aus diesem Grund kommen auf blogfraktion.de  Befürworter und Gegner der PID zu Wort, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Weitere Beiträge von Peter Hintze und Johannes Singhammer.

Weder ein kategorisches, ausnahmsloses Verbot der PID noch eine großzügige Erlaubnis ist nach meiner Überzeugung mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde und den bestehenden gesetzlichen Regelungen zum Schutz des ungeborenen Lebens vereinbar.

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert

Der Gesetzentwurf, den ich zusammen mit den Abgeordneten René Röspel (SPD), Priska Hinz (Grüne) und Patrick Meinhardt (FDP) eingebracht habe, macht deshalb zum Kriterium der Zulassung von PID ausschließlich die Lebensfähigkeit eines Embryos und nicht den vermutlichen Lebenswert. Die Frage, ob und wann und ab welchen vermutlichen oder tatsächlichen schwerwiegenden Behinderungen menschliches Leben nicht zustande kommen soll, steht dem Gesetzgeber, nach unserem Verständnis, nicht zu. Aber wenn er wissen kann, dass aufgrund von nachgewiesenen genetischen Schädigungen und Vorbelastungen der Eltern oder eines Elternteils mit hoher medizinischer Wahrscheinlichkeit dieser Embryo nicht lebensfähig ist und nach allen medizinischen Erkenntnissen mit extrem hohen statistischen Wahrscheinlichkeiten zu einer Fehlgeburt oder Totgeburt führt oder in selteneren Fällen nur wenige Monate Lebenserwartung hat, dann müssen wir auch als Gesetzgeber die Frage beantworten, ob wir verantworten und durchsetzen können und dürfen, vorhandenes, verfügbares Wissen nicht zu nutzen?

Es ist dann zu erklären, warum eine Frau nach Geburt möglicherweise eines oder zweier behinderter Kinder und/oder Fehl- und Totgeburten und dem Wunsch nach weiteren Kindern gegebenenfalls zwar bei Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes nach unserer Rechtsordnung auch zu einem sehr späten Zeitpunkt abtreiben darf, dass wir aber rechtlich ausschließen, dass verfügbares Wissen genutzt werden darf, um es zu dieser Konfliktsituation erst gar nicht kommen zu lassen. Auch wenn nach meiner tiefen Überzeugung menschliches Leben vom Beginn seines Entstehens her schutzbedürftig und schutzwürdig ist, lässt sich eine solche offenkundige Inkonsequenz in ein und derselben Rechtsordnung weder begründen noch vertreten.

Ein Kommentar zu »Präimplantationsdiagnostik – Raum mit engen Grenzen«

  1. Lebensschutz schrieb:

    Ich kann die Intention von Herrn Dr. Lammert verstehen, bei dieser ethischen Frage einen Mittelweg zwischen Freigabe und einem Verbot finden zu wollen. Aber hier kann es leider keinen Kompromiss geben. Auch wer sehr enge Grenzen bei der PID steckt, selektiert Menschen nach lebenswert und lebensunwert. Im Gesetzesentwurf von Dr. Lammert ist ein Überlebenszeit des Kindes als Grenze eingeführt, aber was rechtfertigt es, einem Kind mit der Lebenserwartung von 12 Monaten ein Lebensrecht zuzugestehen und einem anderen mit einem Monat weniger nicht?
    Das Dilemma, dass bei uns die Spätabtreibung strafrechtlich nicht verfolgt wird (rechtswidrig ist sie dennoch), aber die PID verboten ist, existiert hingegen nicht. Der Selektionsdruck durch die PID wird erst durch die künstliche Befruchtung (IVF)mutwillig herbeigeführt. Es liegt also keine Zwangslage vor, da auch ein Verzicht auf die IVF möglich ist.
    Hierzu ein Kommentar der CDL: http://www.cdl-rlp.de/Pressespiegel/Text/PM-31-01-2011.html

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