Netzpolitik, Wirtschaft

Internet-Unternehmensgründungen in Deutschland

„Existenzgründungen in der IT-Branche“ war der Titel des öffentlichen Expertengespräches, (PDF) das der Unterausschuss Neue Medien des Ausschusses Kultur und Medien des Deutschen Bundestages am 09. Mai 2011 veranstaltete.

Stephan Uhrenbacher, Gründer der Bewertungsplattform Qype, schreibt dazu hier in unserem Blog. Er ist heute mit seiner Holding Upspring vor allem aktiv als Unternehmer und Investor im Mobile- und Onlinebereich. Dabei legt er Wert auf Projekte, die „Sinn machen“ – die das tägliche Leben vereinfachen oder nachhaltig sind. Derzeit arbeitet er am Aufbau der Plattform 9flats.com, auf der Nutzer anderen Nutzern für einen gewissen Zeitraum ihre privaten Vier Wände in aller Welt anbieten können.

Der Unterausschuss wollte von Stephan Uhrenbacher und den anderen Experten u. a. wissen, warum Deutschland weniger innovative Unternehmensgründungen vorzuweisen hat als andere Länder, insbesondere die USA. Während deutsche Konzerne industrieller Prägung häufig weltweite Marktführerwurden, beschränken sich Gründungen aus Deutschland häufig darauf, reine „Me too“-Produkte zu sein, deren Geschäftsmodell das Besetzen eines Marktes zum Zweck des späteren Verkaufs an den Weltmarktführer zu sein scheint. Offensichtlich wird in Deutschland weniger „Wagnis-Kapital“ (Venture Capital) investiert – also Eigenkapital, das ohne Sicherheiten und für eine Beteiligung am Unternehmen auf Zeit, vergeben wird.

Die Analyse der negativen Faktoren bildet auch für uns die Basis – doch wir wollten von Stephan Uhrenbacher andersherum wissen, ob es in Deutschland nicht auch besonders positive Rahmenbedingungen für IT-Unternehmensgründungen und die Vergabe von Risikokapital gibt. Hier sein Beitrag:

"Google gab es vor zehn Jahren noch nicht" (halilgokdal on flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0)

Anlässlich dieser Sitzung wurde ich von beiden großen Volksparteien gebeten jeweils einen Blogbeitrag zu verfassen. Ich gehöre keiner Partei oder Lobby an, aber stelle gerne meinen Standpunkt als Internet-Unternehmer dar.

Das Silicon Valley geniesst nach wie vor eine quasi-Monopolstellung im Consumer Internet und auch schon im Mobile Web. Die großen: Apple, Google, Facebook und viele neuere Startups von Twitter über Groupon dominieren den Markt. Das Ganze passiert in einer unglaublichen Geschwindigkeit: Von den genannte fünf Unternehmen existierten vier vor 10 Jahren noch gar nicht. Wir in Deutschland sind mehr oder weniger bekannt für’s Abkupfern. Ein Zustand der vielleicht vergleichbar ist mit der Autoindustrie in den 70ern bevor sie mit Lexus und Co. den deutschen Originalen das Fürchten lehrten.

Soweit die Ausgangssituation, die trotz positiver Ausnahmen die Realität darstellt.

Unternehmertum ist die sinnvolle Kombination von Menschen mit Fähigkeiten und Kapital. Wie diese Kombination von Statten geht, darüber gibt es völlig unterschiedliche Ansätze.

Wir leben in Deutschland leider immer noch ein völlig veraltetes Unternehmerbild. Leitbild ist der Patriarch, der sein Lebenswerk a la Siemens aufbaut, das ganze mit der Bank seines Vertrauens finanziert und primär an Besitzstandswahrung interessiert ist.  Ich gehöre einer Generation von Unternehmern an, die neues Schaffen, und sich ständig neu erfinden. Die Bankenfinanzierung spielt nur in Ausnahmefällen eine Rolle. Die Regel ist Venture Capital. Wir spielen dabei auch gerne eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Wandel. Von der Politik erwarten wir uns wenig oder gar nichts. Im besten Fall keine Hemnisse, wie jetzt die Netzsperren. Wirtschaftsförderung ist Domäne der Lobbyisten der Großkonzerne, oder lokaler Beziehungspflege.

Die Ausgangsposition unseres Landes ist sehr gut: Deutschland hat nach den USA einen der attraktivsten Internet-Märkte. Man kann in Deutschland mittlerweile auch relativ große Internet-Projekte profitabel machen. Leider führt das oft dazu, dass sich Unternehmen auf Deutschland beschränken und nicht in andere Länder expandieren.  Die Chance zeigen israelische oder dänische Unternehmen: Diese produzieren mangels Heimatmarkt ganz automatisch für den Export.

Ebenfalls positiv: Wir haben in Deutschland ganz hervorragend ausgebildete Ingenieure. Das Problem: Es gibt zu wenige davon, und die werden primär in Süddeutschland, z.B. in München, Karlsruhe, Kaiserslautern oder Darmstadt ausgebildet. Kommerzielle Mittelpunkt der deutschen Internet-Szene ist aber mittlerweile Berlin.

Wenn wir es schaffen würden, dass sich Techniker und Kaufleute häufiger begegnen – ich meine das wörtlich – dann würden wir besser werden. Die andere Herausforderung besteht für mich darin, dass wir für die aktuell wichtigen Berufe an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik – exemplarisch Wirtschaftsinformatiker oder User Experience Designer – an den Unis kaum Studienplätze anbieten, und sich nur relativ kleine private Hochschulen um diese Themen kümmern.

Durch unsere zentrale Lage und den relativen Wohlstand innerhalb der EU ziehen wir vor allem aus Osteuropa gute Arbeitskräfte an, was den Arbeitskräftemangel in der Softwareentwicklung oder in spezifischen Online Marketing Fachthemen lindern kann. Bislang haben wir die Chance vertan, die besten Leute aus der ganzen Welt für unser Land zu begeistern. Ich habe kürzlich in San Francisco einen Internet-Unternehmer kennen gelernt, der in den USA schon erfolgreich war. Der Staat Singapur lockte ihn mit einem Fonds, der koinvestiert, mit Visa für seine Mitarbeiter und mittlerweile ist der Unternehmer dort. Er ist übrigens Pakistani. Das Beispiel illustriert den weltweiten Wettbewerb um die besten Leute ungeachtet ihrer Nationalität. Wir müssen es Menschen aus der ganzen Welt ermöglichen, bei uns zu arbeiten, wenn sie qualifiziert sind. Diese Leute schaffen auch bein uns Arbeitsplätze.

Ein Startup-Ökosystem wie im Silicon Valley ist davon abhängig, dass Risikokapital vorhanden ist. Dies wird häufig von Unternehmern bereit gestellt, die ordentlich verdient haben. Das Kapital wird recycelt. Auch bei uns gibt es jetzt einige hundert erfolgreicher Internet-Unternehmer, die wieder als Angels agieren und andere finanzieren. Den Mangel in Venture Capital in Deutschland empfinde ich persönlich als nicht so gravierend. Kapital ist fungibel und mittlerweile haben die VCs anderer Länder wie  England und Frankreich Deutschland fest auf ihrer Landkarte. Das ändert allerdings nichts dran, dass Venture Capital in Deutschland knapp ist. Es sollte geprüft werden, wie Venture Capital als Anlageform für institutionelle Anleger möglich und gegebenenfalls auch steuerlich als Anlageform attraktiv gemacht werden kann.

Ich sehe dabei keinerlei Bedarf für Subventionen. Wenn der Staat fördern will, dann sollte er sich als Investor betätigen, der gewinnorientiert gemeinsam mit privaten Fonds investiert. Hierfür gibt es Beispiele in anderen Ländern Forschungsförderung sollte im Gegenzug  gestrichen werden.

Update 1: Stephan Uhrenbachers Beitrag im Blog der SPD-Bundestagsfraktion

Update 2: In seinem eigenen Blog beschreibt Stephan Uhrenbacher seine Erfahrungen im Bundestag – und zeigt sich „positiv beeindruckt“ über die Atmosphäre und die Abgeordneten, die „wirklich zuhören und wissen wollten, wie die reale Welt so ist“.

Ein Kommentar zu »Internet-Unternehmensgründungen in Deutschland«

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