Politik

Tabuthema Verwandtenehen anpacken

Klartext reden! Das ist der berechtigte Anspruch bei Debatte und Bewegung wichtiger politischer Themen – insbesondere wenn es sich um Unangenehmes handelt. Seit langer Zeit beschäftige ich mich mit dem Problem der Verwandtenehen. In der deutschen Gesellschaft ist dies ein Randthema.

Verwandte Paare müssen wissen, welche gesundheitlichen Gefahren für ihre Kinder auf ihrem Weg liegen (ubiquity_zh on flickr.com, CC BY-NC 2.0)

In meinem Wahlkreis Berlin-Neukölln, in dem viele Menschen aus der Türkei, dem Libanon oder Irak leben, ist die Verwandtenehe nicht selten. Hier werden Cousins und Cousinen häufig miteinander verheiratet. Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Familienplanung und Migration im Lebenslauf von Frauen ist jede vierte türkischstämmige Frau in Deutschland mit einem ihrer Verwandten verheiratet.

Auch wenn Verwandtenehen zwischen Cousine und Cousin in Deutschland eher nicht üblich sind, verboten sind sie nicht, obwohl sie verpönt und nicht gerade alltäglich sind. Doch die Leidtragenden dieser Blutsehen sind meist die Kinder, welche bereits bei der Geburt körperliche und geistige Schäden davon tragen können.

Die überproportionale Zahl von Kindern mit Behinderungen aus Einwanderfamilien lässt sich unter anderem auch auf die Verwandtenehen zurückführen: Bei einem einfachen Paar Cousin-Cousine Ersten Grades ist das Risiko für die Vererbung genetisch bedingter Krankheiten im Vergleich zum Risiko in der Normalbevölkerung etwa doppelt so hoch.

Dies auszusprechen gilt oftmals als Tabu. Wollen wir aber diesen Missstand beheben und zum Wohl der in diesen Ehen gezeugten Kinder handeln, dann muss diese Heiratspraxis auch offen angesprochen und mögliche Folgen problematisiert werden.

Einerseits nehmen viele in der deutschen Gesellschaft dieses Thema – aus falsch verstandener Rücksicht und Angst, in eine gewisse Ecke gestellt zu werden – nicht zur Kenntnis. Und andererseits stoßen Aufklärungskampagnen gegen die Verwandtenehe gerade bei den traditionellen und islamisch geprägten Einwandererfamilien auf große Ablehnung. Sie sehen jedwede Aufklärung als Einmischung in ihre familiären Angelegenheiten. Leider informieren sich Cousin und Cousinen, die eine Ehe eingehen, vor der Heirat viel zu wenig über eventuelle Missbildungen ihres Neugeborenen. Sie wissen häufig nicht, dass Blutsehen das Risiko für körperliche und geistige Erkrankungen bei Kindern erhöhen.

Ich plädiere daher gerade dafür, nicht wegzusehen, sondern zu handeln. Die bestehenden Aufklärungskampagnen müssen weiter ausgebaut werden – nur so können Verwandtenehen auch in Deutschland eingedämmt werden.

3 Kommentare zu »Tabuthema Verwandtenehen anpacken«

  1. Pingback Interessanter Beitrag zur Verwandtenehe « diekornblume

  2. Sütterlin schrieb:

    Ich stimme Frau Vogelsang in dem was Sie sagt uneingeschränkt zu,
    Dieses Thema gehört an die Öffentlichkeit. Wir müssen vermitteln,
    welch große gesundheitlichen Risiken solche Ehen darstellen.
    Aufklärung tut da höchste Not es wäre wünschenswert von die wenn die
    Migrationsvereine sich dieses Themas annehmen würden und gegen dien Tabuisierung
    arbeiten. Gut das dass Thema endlich auf die Plattform kommt.

  3. wuerzbach schrieb:

    Sehr geehrte Frau Vogelsang,
    da stellen sich mir doch zwei Fragen:
    1. Wenn das entscheidende Kriterium für die zulässigkeit einer Ehe offenbar das Risiko erblicher Erkrankungen sein, sollten dann nicht auch Ehen unzulässig sein, in denen erhebliche Risiken für Erbkrankheiten besteht? Oder anders gefragt: Wie hoch darf denn das Risiko von Erbkrankheiten sein bis sich der Staat in die Sexualität von Menschen einmischt?
    2. Wie stehen Sie dazu, dass das Inzestverbot in Frankreich seit 1810 aufgehoben ist und wie beurteilen Sie die Folgen dessen?

    Auch wenn meine Fragen wie ein Angriff wirken, möchte ich vor allem wissen wie Sie dazu stehe. Über eine Antwort würde ich mich freuen, auch weil diese Fragen deutlich machen, dass die Frage der illegalität es wesentlich Komplizierter ist, denn inzestuöse Verhältnisse sind beispielsweise auch nach einer Sterilisierung strafbar.

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