Politik

Freiwilligendienste als Chance begreifen

Veränderungen bestimmen unser Leben und frei nach Heraklit von Ephesus gilt die alte Weisheit: „Nichts ist so beständig wie die Lageänderung“. Nach der Aussetzung von Wehrpflicht und Zivildienst startete zum 1. Juli diesen Jahres der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Dieser neue Dienst ist – entgegen landläufiger Meinung – nicht der direkte Nachfolger des Zivildienstes und er ist vor allem auch kein Konkurrenzdienst zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ).

Der BFD ist vielmehr eine Chance und eine sinnvolle Ergänzung. Der ehemalige Zivildienst war ein Ersatzdienst der jungen Männern offen stand, die aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe nicht leisten wollten. Die beiden Freiwilligendienste FSJ und FÖJ beruhen zwar auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, stehen aber ausschließlich jungen Freiwilligen offen, die das 27. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Anderen Menschen zu helfen, gibt dem eigenen Leben einen Sinn - in jedem Alter (Rosie O'Beirne on flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Der neue BFD ist also aus vielen Gründen eine Chance. Er ist eine Chance für alle Menschen, die einen sinnstiftenden Betrag leisten wollen und bereits das 27. Lebensjahr vollendet haben. Der BFD ist eine Chance für die Bewerberinnen und Bewerber, die keinen Platz für das FSJ bekommen haben. Viele wissen nicht, dass es nach aktuellen Zahlen 60.000 Bewerberinnen und Bewerber für das FSJ gibt, aber nur 35.000 Plätze. Mit dem BFD ist nun ein Instrument geschaffen worden, das die zusätzliche Nachfrage bedienen kann. Nun muss kein Freiwilliger mehr abgelehnt werden. Bund und Länder müssen jetzt an einem Strang ziehen – zumal es für die Bewerberinnen und Bewerber keinen Unterschied macht, ob sie einen Platz im Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligendienst erhalten.

Bereits im April 2011 waren Dr. Carsten Linnemann, MdB und ich sicher, dass es bei entsprechender Begleitung im Rahmen des BFD, gelingen kann, Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive zu geben. Wir widersprachen auch dem oft gezeichneten Klischee, Hartz IV-Empfänger seien für den Einsatz im sozialen Bereich generell ungeeignet. Solche plakativen Unterstellungen sind absolut ungehörig und widersprechen meinem Menschenbild.

Aus meiner Sicht ist zurzeit problematisch, dass Hartz-IV-Empfänger, die am BFD teilnehmen möchten, für ihr Engagement eher bestraft als belohnt werden: Von den üblichen 330 Euro „Taschengeld“ im Monat dürfen sie nur 60 Euro behalten – so niedrig ist der Freibetrag. Die jetzige Regelung verspielt die Chance, Arbeitslosen die Möglichkeit zu einer sinnstiftenden Betätigung und einem Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu eröffnen. Dr. Linnemann und ich werden sofort nach der parlamentarischen Sommerpause die Initiative im Bundestag ergreifen um den Freibetrag von 60 auf 175 Euro anzuheben. Zu diesem Schluss kommt auch ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags, welches wir in Auftrag gegeben haben.

Über unseren Vorschlag berichteten die Medien bundesweit positiv, unter anderem Spiegel Online, Welt Online, Bild, n-tv, Freie Presse, Mitteldeutsche Zeitung und viele mehr. Wir haben uns sehr über die positive und sehr sachliche Resonanz gefreut. Wenn der BFD für Hartz IV-Empfänger attraktiver wird, rechnen Experten damit, dass rund 5.000 Arbeitslose über den BFD eine nützliche Beschäftigung finden. Der BFD ist eine gute Gelegenheit, sich zu beweisen, neues Selbstwertgefühl zu entwickeln und im Idealfall eine Tätigkeit kennenzulernen, aus der sich unter Umständen eine berufliche Qualifikation ergibt. Diese Chance sollten wir für die Menschen nicht ungenutzt lassen.

Im Interesse aller Freiwilligen und vor allem auch im Interesse der Menschen denen durch die Freiwilligendienste geholfen wird, sollten Politik und Träger nun an einem Strang ziehen.

19 Kommentare zu »Freiwilligendienste als Chance begreifen«

  1. Lutz Bohn schrieb:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Wie schön dass es die Hartz IV Empfänger gibt.Die sind doch so individuell einsetzbar zwar nach ihrer Meinung meistens unqualifiziert was ja bei Hilfsdiensten im Pflegebereich keine rolle spielt.Man kann sie auch anderswo einsetzen und dann langsam aber sicher fest angestellte im Dienstleistungsbereich ersetzen. Wenn ich mir das im Pflegebereich vorstelle wird mir echt schlecht. Da geht es um Menschen. Aber da es alte nicht mehr gebrauchsfähige sind spielt das keine Rolle. Es schnürt einem die Kehle so rosa das auch noch beschrieben wird.
    Mit freundlichen Grüßen Lutz Bohn

  2. Peter Tauber schrieb:

    Lieber Herr Bohn, leider gehen Sie von völlig falschen Annahmen aus! Es geht eben nicht darum, Hartz IV-Empfänger für jede erdenkliche Aufgabe einzusetzen. Die ersten Voraussetzung ist, dass jemand FREIWILLIG einen solchen Dienst leistet. Diese Möglichkeit darf nach unserer Auffassung auch jemandem, der auf Hartz IV angewiesen nicht, nicht verwehrt werden. Zweitens gibt es klare Regeln und Grenzen für die Aufgabengebiete der Freiwilligen – ähnlich wie bei den Zivis. Sie wollen sicherlich nicht ernsthaft behaupten, dass durch die Zivis ein menschenunwürdiges Klima in den Einrichtungen entstand oder? Das Gegenteil war in der Regel der Fall und dies gilt auch für den Einsatz von Freiwilligen aus dem FSJ oder künftig dem BFD – unabhängig der Tatsache, ob sie Hartz IV-Empfänger sind oder nicht. Ich persönlich bin entsetzt über Ihr Menschenbild, dass deutlich durchscheint, wenn Sie Hartz IV-Empfänger absprechen, diese Aufgabe gut und Gewissenhaft erledigen zu können.

  3. T.G. schrieb:

    Chance, Chance , Chance…hat Ursula den Auftrag für diesen Text erteilt? Die einzige Chance beim BFD besteht für Vater Staat Menschen mit 300€ abzuspeisen und auszubeuten, eine Chance Geld zu sparen

  4. Peter Tauber schrieb:

    Hallo T.G., ich habe ja selten eine so falsche und platte Argumentation gehört. Sie haben auch noch nie mit Freiwilligen gesprochen nehme ich an. Die fühlen sich nicht ausgebeutet, sondern die leisten gerne einen Dienst für unsere Gesellschaft, weil sie wissen, dass unser Land das braucht. Vielleicht gehören Sie zu denen, die nur den eigenen Vorteil sehen. Dann tun sie mir leid. „Vater Staat“ sind wir alle und wir brauchen mehr Menschen und nicht weniger, die nicht fragen, was ihr Einsatz ihnen persönlich bringt, sondern was unser Land davon hat – frei nach Kennedy. Zum Glück tun dies bereits viele Millionen Menschen im Ehrenamt jeden Tag. Es können aber ruhig noch ein paar mehr werden. Auch darum brauchen wir den BFD.

  5. T.G. schrieb:

    Ohje, auch ich leiste zur Zeit meinen BFD.
    Was er mir persönlich bringt? Keinen Vorteil wenn es um Studienplätze geht das bringt er mir.
    Es handelt sich doch einfach um eine unüberlegte Reaktion auf den Wegfall des Zividienstes ebenso um eine legalisierte Ausbeutung von, in meinem Fall, jungen Arbeitskräften.
    Warum bekommen denn selbst Hartz4 Bezieher mehr Geld?
    Ich finde das ganze eine Bodenlose frechheit…und auf der Schiene zu argumentieren a la ‚was kann ich für mein Land tun‘ ist der gröbste Unfug in einer Gesellschaft die von oben Egoismus eingeimpft bekommt.
    Wie rechtfertigt, ihrer Meinung nach der Staat die Rettung von Banken etc im Vergleich zum Gehalt des BFDs? Unser System ist so faul, es stinkt bis zum Himmel

  6. G.T. schrieb:

    Ohje, auch ich leiste zur Zeit meinen BFD.
    Was er mir persönlich bringt? Keinen Vorteil wenn es um Studienplätze geht das bringt er mir.
    Es handelt sich doch einfach um eine unüberlegte Reaktion auf den Wegfall des Zividienstes ebenso um eine legalisierte Ausbeutung von, in meinem Fall, jungen Arbeitskräften.
    Warum bekommen denn selbst Hartz4 Bezieher mehr Geld?
    Ich finde das ganze eine Bodenlose frechheit…und auf der Schiene zu argumentieren a la ‚was kann ich für mein Land tun‘ ist der gröbste Unfug in einer Gesellschaft die von oben Egoismus eingeimpft bekommt.
    Wie rechtfertigt, ihrer Meinung nach der Staat die Rettung von Banken etc im Vergleich zum Gehalt des BFDs? Unser System ist so faul, es stinkt bis zum Himmel

    T.G.

  7. Peter Tauber schrieb:

    Wo leisten Sie BFD? Bei aller Zurückhaltung aber ich glaube Ihnen das nicht und wenn, dann sollten Sie sich informieren. Die Hochschulrektorenkonferenz und das Bildungsministerium haben beispielsweise vereinbart, dass BFD’ler wie FSJ’ler behandelt werden und die entsprechenden Vergünstigten wie Wartesemester erhalten – diese sind nur von Hochschule zu Hochschule verschieden. Die BFD’ler und FSJ’ler tun ihren Dienst mit Freunde. Wenn Se nicht mit Freude bei der Sache sind sollten Sie schnell was anderes machen. Sie zubaust und noch mehr den Menschen, mit denen Sie zu tun haben keinen Gefallen.

  8. soso89 schrieb:

    Hallo,

    Aus eigener Erfahrung (seit dem 1.09. „Bufdi“ in einem Seniorenheim) kann ich sagen, dass ich nicht mehr als ein moderner Sklave bin. Ich muss nicht nur die Arbeit einer Fachkraft machen, ich muss sogar mehr arbeiten als die eigentlichen Arbeitskräfte. Während ich mir einen abrackere, trinken die anderen gemütlich Kaffee. Und wenn es mir zum Hals raus hängt und ich kündige – na und? Der Verlust war ja nicht groß. Also ICH habe mir eindeutig etwas anderes darunter vorgestellt. Denn so tue ich nicht mir, nicht den Bewohnern – die unter Umständen sogar Schaden erleiden einen Gefallen – einzig und allein dem Arbeitgeber. Eine einzige Sauerei.

  9. Peter Tauber schrieb:

    Also wenn es so ist wie von Ihnen beschrieben, dann frage ich mich, warum sie da noch hingehen???? Der Bundesfreiwilligendienst ist freiwillig und sie können jederzeit kündigen. Schreiben Sie mir an welche Dienststelle Sie eingesetzt sind und wir können der Sache nachgehen, denn so soll es ja gerade nicht sein. Wenn ich von Ihnen keine detaillierte Email bekomme, dann gehe ich davon aus, dass Sie (leider) gar nicht real sind, sondern hier nur Stimmung machen wollen gegen den Bundesfreiwilligendienst. Auf jeden Fall sind Sie eine Ausnahme. Ich bin in vielen Einsatzstellen unterwegs und sowohl die Bufdis als auch die Einsatzstellen sind meist begeistert und es funktioniert prima.

  10. Berger Michael schrieb:

    Na, wo bleibt denn nun die in den Print-Medien grooooß angekündigte Initiative betreffs Erhöhung des Freibetrags für ALG II Empfänger die BFD leisten wollen,die auf Höhe der Ehrenamtspauschale von 175€ steigen soll???
    Die Sommerpause is‘ längst vorbei …

  11. R. Kühnast schrieb:

    Komisch, bisher gibt es keine Antwort auf die Frage von M. Berger??!!??!! Diese Frage stelle ich mir seit Wochen auch.
    ich bin Bufdi seit 15. Juli in einer Werkstatt für körperlich, geistig behinderte und psychisch kranke Menschen, war eine der ersten sozusagen. Hab mich vorher reichlich schlau gemacht, umsonst, dachte die 100 Euro + 20% Formel greift hier für mich als Hartz 4 Empfänger. War falsch!!!
    Hab versucht über unsere Tageszeitung was zu erreichen, das unsere „lieben“ Politiker eventuell und zumindest mal ansatzweise diskutieren, nichts passiert.
    Leider erreichen wir, die sich sozial engagieren, helfen aber auch abrackern, rein garnichts. Im Gegenteil, man wird noch belächelt, von denen die ihren Körper 24 Stunden im Bett belassen. Ist mir aber egal. Aber ein bisschen Anerkennung und mehr noch Respekt verdienen auch wir, sei es durch Politiker, die endlich mal mit ihrer Initiative anfangen, oder irgendwelche Menschen die in uns nur unqualifiziertes Personal sehen.

  12. Michael Berger schrieb:

    Na, Hr. Tauber, immer noch mit ihrem Stimmchen mit dem (T)EURO- Rettungsgewirr beschäftigt, anstatt ihre großmäulig angekündigte Initiative zu starten? Oder wollten Sie eh nur zum Thema BFD & Hartz 4 auch mal ihren Namen in der BILD lesen?

  13. Peter Tauber schrieb:

    Herr Berger, ich bin begeistert über Ihr großes Interesse und Ihre detaillierten und sachlichen Ausführungen. Chapeau! Vorabbemerkung: Es gibt kein Rettungsgewirr, sondern das ernsthafte Bemühen, mit dem Euro auch Wohlstand und Arbeitsplätze für Deutschland zu sichern. Schade, dass dies offensichtlich an Ihnen vorbeigegangen ist. Zur Sache selbst: gut Ding will Weile haben. Die Regelung wird kommen, da auch die Arbeitsgruppe meiner Fraktion die Idee begrüßt. Die Umsetzung erfolgt in Abstimmung mit dem Ministerium.

  14. Michael Berger schrieb:

    „Wird kommen“??? Seehr informativ … der Weltuntergang kommt auch irgendwann …

    Gott sei’s gedankt gibt es beim BFD diese Ausstiegs- bzw. Kündigungsklausel, anstatt sich Monat für Monat als ALG II Empfänger für ’nen Hungerlohn ausnutzen zu lassen!

    Da kommt wohl jemand gegen Mademoiselle Schröder nicht an …

  15. R. Kühnast schrieb:

    …ein Hoch auf Herrn Berger, endlich jemand der sich traut seinen Mund aufzumachen. Aber nutzt es was?? Offensichtlich nicht. Ich ahne schon was kommt. Ha Ha Ha, wenn meine Dienstzeit rum ist wahrscheinlich, wenn überhaupt. Aber kündigen? Aufgeben????
    Wer den Artikel (Freiwillig für ein Taschengeld) mal lesen möchte, hier der Link:

    http://www.insuedthueringen.de/regional/thueringen/thuefwthuedeu/Freiwillig-fuer-ein-Taschengeld;art83467,1767790

    (Artikel geschrieben von Marco Schreiber)

  16. Pingback Was für eine Woche. « Bahngezwitscher

  17. ck schrieb:

    Möchte meinen vorrednern hier mal recht geben, auch Ich arbeite in einem Pflegeheim 1.Muss ich genau das machen was die FESTANGESTELLTEN auch machen. 2. Feiern diese auf meine Kosten Ihre überstd ab weil ich bin ja jetzt da genauso wurde es mir gesagt 3. was man bei Hartz 4 dabei noch behalten ist ein WITZ! dafür sich die ganze freizeit kaputtmachen lassen ich habe fast nur spätschichten dann jedes 2wochenende nur spät
    und das in einer karikativen einrichtung
    DAUMEN HOCH was die sich einfallen lassen haben

    Ich werde Kündigen!!!!

  18. Peter Tauber schrieb:

    a) Die Umsetzung der von mir geforderten Erhöhung des Freibetrags für SGB II-Empfänger im BFD und FSJ erfolgt derzeit durch das Ministerium für Arbeit und Soziales.
    b) Wenn die „Zustände“ wie im letzten Kommentar geschildert in dieser Einrichtung so sind und Sie sich ausgenutzt fühlen, dann sollten Sie kündigen. Dann ist das aber kein Fehler des Systems, sondern der Einrichtung. Solche Fälle sollten Sie dann an das Ministerium melden und nicht nur meckern, sonst geht es anderen Freiwilligen vielleicht ähnlich. Ich besuche monatlich verschiedene Einrichtungen. Die meisten Freiwilligen, die ich treffe, sind hoch zufrieden, finden Anerkennung und lernen eine Menge. Das ist genau der Sinn und Zweck der Freiwilligendienste.

  19. R.Kühnast schrieb:

    … letzte Woche kurz vor Arbeitsbeginn kam mein Chef auf mich zu und hielt eine Pressemitteilung vom Paritätischen in der Hand. Meine Freude war groß, angekündigte Erhöhung des Freibetrages von 60 auf 175 Euro. WOW!! Mein direkter Weg führte zum Jobcenter. Freude dahin. >>> DAS JOBCENTER WEIß VON NICHTS!!!!!!!!!!!???????????????????????????????????

    Ich versteh garnichts mehr.
    _____________________________________________________
    Allen Bufdis wünsche ich auf diesem Weg ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes gesundes Jahr 2012. Lasst euch nicht unterkriegen. LG

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