Politik

„Ich sehe Menschen, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen springen“

Fünfzig Jahre Mauerbau, fünfzig Jahre Manifestation der Teilung Deutschlands, fünfzig Jahre Stacheldraht und Beton durch die Hauptstadt – Unsere Abgeordneten erzählen uns, wie sie dieses einschneidende Erlebnis gesehen, was sie gefühlt haben und wie sie die Teilung unseres Landes geprägt hat.

Der zweite Beitrag zu unserer Reihe stammt von Carola Stauche, Abgeordnete der CDU aus Thüringen:

Auf einmal eine Mauer: So muss es für Carola Stauche gewirkt haben (Bundesbildstelle, B 145 Bild-00106436, Fotograf: Siegmann)

Ich kann mich gut an den Tag des Mauerbaus und die Tage danach erinnern. Ich war neun, lebte in dem kleinen Dorf Arnsgereuth in Thüringen und besuchte meine Oma in Westberlin. Sie wohnte am Nordhafen. Am Nachmittag des 13. August spielte ich mit meiner Freundin Lydia im Park und sah, wie weiter hinten Leute aus dem Fernglas guckten. „Was ist da los?“, fragte ich. „Das wisst ihr wohl noch gar nicht. Da wird doch die Mauer gebaut“, klärte mich Lydia auf. Noch heute sehe ich Bilder vor mir, die ich nie vergessen werde. Ich sehe einen gerollten Stacheldraht und Männer, die Hohlblocksteine aufeinander setzen, um die Brücke in den Osten zu sperren.  Ich sehe Menschen, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen springen. Und sehe, wie nur einen Tag später die Fenster zugerammelt waren. Ich sehe, wie Lydia und ich nasse Sachen wie ein FDJ-Hemd oder marxistisch-leninistische Bücher im Park fanden. DDR-Bürger waren auf der Flucht in den Westen durch den Spandauer Schifffahrtskanal geschwommen.

Die Mauer stand schon zwei Wochen. Dann durfte ich zurück nach Thüringen. Männer vom Roten Kreuz West brachten mich zum Bahnhof Friedrichstraße. Weil alles dicht war, nahmen sie vier Hohlblöcke heraus und hoben mich mit meinem alten braunen Pappkoffer durch die Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer empfingen mich Männer vom Roten Kreuz Ost. Mein Bruder holte mich ab.

Der 13. August 1961 trennte nicht nur Deutschland in zwei Teile, er trennte auch unsere Familie. Zwei Jahre habe ich meine Großmutter nicht mehr gesehen. Erst dann durfte sie wieder nach Ostberlin. Noch mit 80 stand sie an manchen Tagen zwei Stunden an der Friedrichstraße und wartete auf mich, nur damit wir uns sehen konnten. Bei Familienfesten mussten wir uns in der Wohnung von Bekannten in Ostberlin treffen. Erst Jahre später habe ich erfahren, was meine Tante und mein Onkel im Knast erlebt hatten. Sie konnten es mir nicht eher erzählen. Ich habe mich nur immer gewundert, warum meine Eltern oft sagten: „Bist ruhig, der Feind hört mit.“ – „Was haben die denn nur?“, habe ich gedacht. Das geteilte Deutschland war bei uns in der Familie sehr präsent. Eine Erfahrung, die mein Leben bis heute prägt.

Zum ersten Beitrag von Maria Michalk hier entlang

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