Wachstumsenquete

Wohlstand – Wachstum – Lebensqualität: Warum die demografische Krise uns alle etwas angeht

Nach Angaben der aktuellen Expertise des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2011) ist die Entwicklung der deutschen Bevölkerung seit 2003 rückläufig – bereits seit 1970 ist außerdem die natürliche Bevölkerungsbilanz negativ, d. h. die Anzahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Neugeborenen. Bis 2009 schrumpfte Deutschland von einem Bevölkerungshöchststand mit 82,5 Millionen Menschen um 700.000 Personen. Dieser Trend wird sich exponentiell fortsetzen und ist längst nicht mehr aufzuhalten.

Vorausberechnung der Bevölkerung vom Statistischen Bundesamt für 2060 (unter bestimmten Bedingungen, Klick für weitere Varianten)

In der Bewertung dieser Entwicklung wird in der Öffentlichkeit, und leider auch in der Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, rein quantitativ argumentiert: Weniger Menschen benötigten weniger Ressourcen, also sei die demografische Krise in Deutschland ökologisch positiv zu beurteilen! Denn wenn die Deutschen aussterben, dann blieben mehr Ressourcen für Inder und Chinesen. Auch in Deutschland selbst – so beruhigen uns manche Makroökonomen – gebe es kein Problem: Denn der technologische Fortschritt werde über ein Wachstum des Produktionspotenzials die Verringerung der Erwerbsbevölkerung kompensieren und so das BIP pro Kopf bis 2060 konstant halten (vgl. beispielsweise Sachverständigenrat (2011), S. 9). Also kein Grund zur Sorge?

Doch ist dies der richtige Blickwinkel auf die Herausforderung des demografischen Wandels? Bestimmen sich Wohlstand und Lebensqualität nur aus dem Bevölkerungsdruck im naturalistischen „Wettkampf“ um Ressourcen? Diese Frage hat letztlich anthropologische Wurzeln: Ist der Mensch zunächst ein Natur verbrauchendes Lebewesen, sodass das Aussterben einer Gruppe den Verbleibenden zu mehr Spielraum verhilft? Oder ist der Mensch als Person in der Lage, seine eigenen Lebensgrundlagen wirksam zu beeinflussen? Kann er durch ordnungspolitische Reformen einen Kulturwandel bewirken oder durch neue Technologien den Entwicklungspfad des Ressourcenverbrauchs beeinflussen? Eine rein naturalistische Argumentation – die im übrigen unselige Assoziationen an Denkfiguren der deutschen Vergangenheit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weckt – ignoriert die kulturelle Dimension der demografischen Krise: Die Durchsetzung nachhaltiger Lebensformen hängt nicht primär von der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen ab. Fraglich ist vielmehr, wie die demografische Entwicklung unsere Gesellschaft verändern wird. Wie viel Toleranz, Offenheit, Innovations- und Investitionsbereitschaft wird sich unsere Gesellschaft in diesem Prozess bewahren können?

Erfahrungen aus anderen Ländern stimmen diesbezüglich skeptisch. Alte Menschen sind – aus guten Gründen! – weniger reformorientiert, innovativ und veränderungsbereit. In Japan, wo bereits heute über 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt ist, ist der entsprechende Kulturwandel mit Händen zu greifen: Die Japaner üben sich in Konsumverzicht und versuchen, sich durch Überregulierung und Wettbewerbsbeschränkungen gegen die globale Konkurrenz abzuschotten. Diese Stabilität entpuppt sich als Stagnation: Die Bildung privater Ersparnisse und die Blockade von dringend nötigen wirtschaftspolitischen Reformen treibt die Deflation. Durch seine Außenwirtschaftspolitik schottet sich Japan vom Rest der Welt ab und verhindert auch so wirtschaftlichen Fortschritt und strukturellen Wandel insbesondere in den kaum wettbewerbsfähigen mittelständischen Unternehmen.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Alterung der Bevölkerung sehr wohl einen Rückgang an technologischer und kultureller Dynamik mit sich bringen kann. Weniger internationaler Wettbewerb bedroht nicht nur den heimischen Wohlstand, sondern auch den ökologisch erwünschten Umbau durch die Entwicklung Ressourcen sparender Technologien. Nachlassende wirtschaftliche Dynamik in Deutschland verringert den Einfluss unserer Werte auf die Entwicklung in der internationalen Wirtschaft und Politik. Es ist kaum damit zu rechnen, dass dies insgesamt zu einer Zunahme der globalen Bemühungen um nachhaltige Wirtschaftsformen führen wird.

Auch die nationalen Konsequenzen der demografischen Krise sind nicht so unbedenklich, wie makroökonomische Zahlenspielereien uns suggerieren. Die Verschiebung des Altersaufbaus birgt die Gefahr inter-generationeller Verteilungskämpfe – besonders in sozialen Sicherungssystemen. Wenn das steigende Alter des Medianwählers die Politik daran hindert, die Beitragslast der Sozialversicherung zu senken, dann wird sich der Trend zur Emigration junger, gut ausgebildeter Nettozahler verstärken. Wichtiger noch ist die gesellschaftspolitische Herausforderung, mit der immer „selteneren Spezies Kind“ umzugehen: Wo sich Wohnungsbau, Freizeit- und Konsumangebote am kinderlosen Verbraucher im Durchschnittsalter ausrichten und Arbeitgeber zeitliche und räumliche Mobilität abverlangen, verstärkt sich ein Umfeld der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ (vgl. 5. Familienbericht) gegenüber Familien. Dass dies auch in einer zielgruppengerichteten Politik ihre Spuren hinterlässt – und zwar auch in solchen Parteien, die sich traditionell der Weitergabe des Lebens verpflichtet sehen – manifestiert sich plakativ in der Weigerung der Senioren-Union, den Bau von Kindertagesstätten in reinen Wohngebieten zu unterstützen (vgl. beispielsweise die Pressemitteilung der Senioren-Union NRW vom 09.02.2011).

Die demografische Krise ist gesellschaftspolitischer Natur und erstreckt sich als kulturelle Krise auf alle sozialen Schichten. Gleichzeitig ist das Demografieproblem gravierender Indikator fehlender Nachhaltigkeit unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Nachhaltige Familien-, Zuwanderungs- und Gesellschaftspolitik zur Abmilderung der demografischen Krise sollte weit oben auf der Prioritätenliste des Deutschen Bundestages stehen – zumal wenn er nachhaltige Wirtschafts- und Lebensformen propagieren will. Sonst wird unser Land international dadurch an Glaubwürdigkeit verlieren, dass es zwar die ökologischen Herausforderungen besser zu meistern beansprucht als andere, in Sachen demografischer Nachhaltigkeit – inklusive ihrer Folgen für Wohlstand und Lebensqualität – aber notorisch versagt.

Jenseits der globalen Herausforderung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen dürfen wir die Lebenssituation von Kindern und ihren Eltern vor Ort nicht aus dem Blick verlieren, wenn wir über Wohlstand und Lebensqualität in unserem Land diskutieren. Die Enquete muss sich auch dieser kulturellen Herausforderung öffnen und die Gesellschaft für entsprechende Aspekte  sensibilisieren. Denn qualitatives und nachhaltiges Wachstum kann nicht „von oben verordnet“ werden, sondern muss als gesellschaftlicher Grundkonsens Einzug in alle Lebensbereiche finden, damit wirklicher Wohlstand geschaffen werden kann.

Prof. Dr. André Habisch ist sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”. Er lehrt an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt. Seit 2010 ist er außerdem Associate Research Director der European Academy Business in Society aus Brüssel. Stefanie Herber ist seine Assistentin und Co-Autorin des Artikels.

4 Kommentare zu »Wohlstand – Wachstum – Lebensqualität: Warum die demografische Krise uns alle etwas angeht«

  1. Ulla Freiberg schrieb:

    Einen interessanten Beitrag zu dieser Thematik hat unlängst der Soziologe Peter Jedlicka mit der Publikation „Gender Balance“ geliefert – in der er Wohlstand in Beziehung zum Thema Gleichberechtigung bringt – und daraus Wesensmerkmale moderner Gesellschaften ableitet.

    Ulla Freiberg

  2. Michael Klein schrieb:

    Leider mischt der Autor in diesem Beitrag alszusehr seine persönliche Ideologie mit den Fakten, so dass es mir zumindest nicht möglich ist, die „message“ des Beitrags zu entschlüsseln.

    Das fängt damit an, dass der Autor vom Aussterben spricht, ein vollkommener Blödsinn angesichts von 80 Millionen Deutschen und zudem ein rein quantitatives Argument, gegen das er sich doch so vehement stellt.

    Gleiches gilt für die vermeintliche fortschrittshemmende Wirkung der alten Japaner – auch hier argumentiert er quantitativ, obwohl er doch qualitativ unterwegs sein will.

    Auch dass in der Ökonomie Einigkeit (was selten genug ist) darüber besteht, dass in hochindustrialisierten Gesellschaften Faktoren wie die Qualität des Humankapitals, das Ausmaß von Handel und Kapitaleinsatz und mithin qualitative Faktoren das Wirtschaftswachstum bedingen, scheint dem Professor der Wirtschaftswissenschaft entgangen zu sein.

  3. Gerlind Elsner schrieb:

    Und warum ist die Zahl seit den 70er Jahren so rückläufig?

    Seit der ersten Legalisierung der Abtreibung 1974 (in Ostdeutschland schon 1972) wurden etwa 8 Millionen Kinder abgetrieben. Nach den offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind es rund 5 Millionen. Das Statistische Bundesamt gibt zu Bedenken, daß seine Zahlen unvollständig sind. Im Jahr 2004 erklärte das zum Statistischen Bundesamt gehörende Institut für Bevölkerungsforschung, daß die offiziellen Zahlen nur etwa 60% der Abtreibungen erfassen.

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