Internationales

Keine Angst vor dem Bevölkerungswachstum

In Afrika kommt es bis 2100 voraussichtlich zu einer Verdreifachung der Bevölkerung. Wir müssen die vorhandenen Ressourcen anders verteilen und neue schaffen. Vor unserem Kongress am 8. Februar 2012 laden wir Sie ein, die Diskussion hier zu beginnen. Prof. von Braun ist einer unserer Referenten.

Rund neun Milliarden Menschen werden Mitte dieses Jahrhunderts auf unserer Erde leben. Sie werden aufgrund des wachsenden Wohlstands in etwa so viel Nahrungsmittel konsumieren, wie heute zwölf Milliarden verbrauchen würden. Die aufstrebende Mittelschicht vieler Entwicklungsländer fragt verstärkt Milch- und Fleischprodukte nach. Zugleich verschwenden reiche Konsumenten viel.

Bis 2050 wird sich die Nachfrage nach Nahrungsmitteln verdoppeln. Um diesen Bedarf zu decken, muss die Produktion weltweit enorm gesteigert werden. Dazu gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder wird die Ackerfläche ausgeweitet oder der Ertrag der vorhandenen Fläche wird gesteigert. Eine Ausweitung der Landwirtschaftsfläche von derzeit weltweit 1,4 Milliarden Hektar ist jedoch kaum möglich. Jährlich gehen sogar etwa zehn Millionen Hektar Ackerland durch Erosion und Degradierung verloren.

Die Produktion muss durch höhere Erträge gesteigert werden, was sich durch intensivere Produktion und technischen Fortschritt erreichen lässt, auch im Kleinbauernsektor. Dort lebt ein Großteil der Armen und aus ihm entspringt ein Großteil des Bevölkerungswachstums. Dies wird jedoch ein umweltschonenderer und nachhaltigerer Fortschritt sein müssen als bisher. Langfristig werden sich die Erträge nur dann nachhaltig steigern lassen, wenn neue Sorten und Technologien entwickelt werden, die an den Standort angepasst sind und knappe Ressourcen effizient nutzen.

Eine große Herausforderung für die Agrarproduktion ist auch der Klimawandel. Allerdings verursachen die nächsten ca. zwei Milliarden Menschen einen viel geringeren Umweltfußabdruck als die reiche eine Milliarde in den Industrieländern, denn sie werden fast ausschließlich in den armen Ländern Südasiens und Afrikas hinzukommen. Die landwirtschaftliche Produktivität muss somit auch aus dieser Sicht vor allem in Afrika und Südasien steigen, um die strukturellen Ungleichgewichte in der Versorgung zu überwinden. Zugleich muss in den Industrieländern auf eine viel Ressourcen-sparsamere Wachstumsstrategie umgestiegen werden.

Es ist durchaus möglich, die weltweite Nahrungsmittelversorgung auch 2050 sicherzustellen. Von den dazu erforderlichen Investitionen und politischen Reformen ist die Weltgemeinschaft derzeit jedoch noch weit entfernt.

Eine Doppelstrategie ist nötig: Sowohl Anpassungen auf der Nachfrageseite bei den Wohlhabenden und durch Reduzierung von Verlusten und Verschwendung, als auch Steigerung der Produktion. Und eine dritte strategische Komponente ist erforderlich: direkte und indirekte Ernährungsverbesserung, insbesondere durch Programme, die die frühkindliche Ernährung über Gesundheitsdienste stärken und die Schulbildung von Mädchen fördern. Diese Ansätze reduzieren auch das Bevölkerungswachstum.

Fazit: keine Angst vor dem Bevölkerungswachstum, sondern – wenn schon Angst – dann vor dem Mangel an zeitnahem Handeln. Dem Bevölkerungswachstum kann durch angemessene nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern begegnet werden. Wenn die dafür erforderlichen Investitionen aber jetzt nicht rasch ausgeweitet werden, ergeben sich unkontrollierbare humanitäre und sicherheitspolitische Konsequenzen in Folge des Bevölkerungszuwachses bei den Armen.

Joachim von Braun ist Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn und Professor für wirtschaftlichen und technologischen Wandel. Von 2002 bis 2009 war von Braun Generaldirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington DC – der international führenden Forschungseinrichtungen im Bereich Weltagrar- und Ernährungspolitik. von Braun ist Mitglied verschiedener deutscher und ausländischer Akademien. Zudem war er von 2000 bis 2003 Präsident der Internationalen Agrarökonomen-Vereinigung. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind zu Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung, Agrarwirtschaft, Ressourcenökonomik, Handelspolitik, Ernährung, sowie Forschungs- und Technologiepolitik.

Ein Kommentar zu »Keine Angst vor dem Bevölkerungswachstum«

  1. André Gaufer schrieb:

    Keine Rendite zu Lasten der Ärmsten
    Setze Dich mit uns für mehr Gerechtigkeit ein und sage NEIN zu Finanzprodukten, die Menschen in den Hunger spekulieren! Die Initiative handle-fair.de freut sich über Deinen befürwortenden Kommentar.

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