Enquete

Algorithmisierung im Szenario 2020+

Die Enquete-Kommission veranstaltete am 19. März 2012 eine öffentliche Anhörung zum Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation. Dazu sind sechs externe Sachverständige eingeladen. Einer von ihnen ist Christoph Kappes.

Aus seiner umfangreichen schriftlichen Stellungnahme hier das Kapitel Algorithmisierung als Appetithappen auf mehr (PDF).

Das Internet kennzeichnet eine wichtige Phase von etwas Größerem, das ich gern etwas altmodisch das „Computerzeitalter“ nenne. Es begann praktisch in den 1970ern, hatte Phasen von unvernetzten Hosts, von PCs, Datenstandards für (unvernetzten) Austausch, dann Vernetzung, dann Internet – das digitale System wird also immer umfassender, und es wird mit Augmented Reality, Ambient Intelligence und dem Internet of Things noch mindestens 20 Jahre zu Veränderungen führen, beispielsweise durch Healthcare-Monitoring und jede Art der Optimierung von Ressourcen, z.B. bei Car-Sharing, weg von dauerhafter Herrschaft einzelner (Eigentum) zur zeitweiligen Nutzung mehrerer (Sharing).

Kann man die Zukunft ausrechnen? (HOLLi* on flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Nun ist das vielleicht akademisch, aber es richtet den Blick auf etwas Wichtiges: Kommunikation, deren Veränderung wir gerade durch das Internet erleben, ist nur ein Aspekt des Computerzeitalters. Der Kern ist nicht nur Informationstransport, sondern auch Informationsverarbeitung, also die Manipulation von Symbolen wie „0“ und „1“ und „Hund“. Durch Algorithmen, die Symbole verändern,

  • wird die Welt messbar,
  • wird Handeln vergleichbar,
  • werden Daten auf höheren Ebenen aggregiert und besser verständlich,
  • werden Vorgänge aller Art von Hand oder gar maschinell dokumentiert (Textverarbeitung dokumentiert Gedanken, WordPress Diskussionen, Seamless Sharing von Facebook die Musik)
  • können über Zeitreihenanalysen Veränderungen gemessen und Muster erkannt werden
  • können in Teil-Mengen Simulationen gefahren und durch Vergleich Optimierun-gen ermittelt werden.

Dies verändert Prozesse und Management in jedem gesellschaftlichen Teilsystem: Entscheidungen beruhen möglichst auf Messungen, Intuition zählt weniger, Powerpoints und Mails dokumentieren jeden Schritt. Die Wirtschaft durchläuft diesen Prozess seit Dekaden, ERP-Systeme sind das deutlichste Zeichen. Das höherrangige Ziel dieser Aktivität ist Steigerung der Effizienz, die bessere Steuerbarkeit höherer Komplexität, das Schaffen neuer Möglichkeiten. Das passt nicht zum Zeitgeist, aber der Mensch handelt danach, wenn er nicht von Hamburg nach Berlin mit dem Fahrrad fährt, wenn er lieber den Fahrstuhl nimmt, wenn er digital fotografiert, wenn er lieber Mails als Briefe verschickt. Dies ist die Erzählung der Technikgeschichte.

Die politischen Akteure und ihre Prozesse werden die nächsten sein, deren Handeln von Zahlen geprägt ist. Über die gesellschaftlichen Verhältnisse werden immer mehr Zahlen zur Verfügung stehen, man wird die Wirkung des politischen Handelns (vorher-nach-her) messen, man wird das politische Handeln selbst messen: Teilnahme am Schützen-fest, lohnt sich das? Was hat mein Auftritt bei Lanz bewirkt? Wieviele Personen meiner Zielgruppe habe ich zu meiner Partei konvertiert? Haben meine Kollegen, die sich enthalten haben, mehr positive Resonanz aus dem Publikum? Führt mein Lobbying tatsächlich zu mehr Stimmen? Was kostet mein Twittern den Steuerzahler? (Entsprechendes gilt für politische Führung von oben nach unten und von unten nach oben, aber auch für Bürger…)

Eine der nächsten Generationen von Social Media Monitoring wird dann Dashboards mit Performance Indikatoren liefern, welche der Politik Rückmeldungen in Echtzeit über die mediale Wirkung ihres Handelns geben.

Die Auswirkung sofortiger Resonanzermittlung führt zu einer stärkeren Koppelung der Repräsentanten an den Souverän, enthält aber auch Gefahren (Zweck-Mittel-Vertauschung der Politik, sog. „Populismus“).

Insgesamt sollte jedoch mehr Transparenz darüber entstehen, wer mit welcher Handlung welche Wirkung bei welchem Prozess erzeugt (eingeschlossen Aktivisten, Lobbyisten, Polithacker, Schnacker und Clowns). Das führt möglicherweise zu mehr Effizienz in der Politik, d.h. es schafft freie Ressourcen.

An dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber ein Hinweis auf die politische Kybernetik von Karl Wolfgang Deutsch (Politische Kybernetik, Modelle und Perspektiven / Karl W. Deutsch, Freiburg, 1969), und die Kritik daran, der Mensch handele nicht rational und vieles sei nicht messbar. Die Debatte ist also schon 50 Jahre alt.

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