Politik

Der neue Indikatorensatz zur Wohlstandsmessung

Die Projektgruppe 2 der Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wachstum und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ beschäftigt sich mit der Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstandsindikators oder Wohlstandsindikatorensatzes. Auf der Basis von ökonomischen, ökologischen und sozialen Kriterien kann damit ein Fundament geschaffen werden, auf dem politische Entscheidungen gefällt und bewertet werden können.

Systematik der Wohlstandsmessung

Obwohl, oder vielleicht gerade weil, es keine allgemeingültige Definition von Wohlstand gibt, existiert eine Vielzahl von Ansätzen zur Wohlstandsmessung. Sie unterscheiden sich sowohl in ihren empirischen Erhebungsmethoden als auch in ihren inhaltlichen Vorstellungen zum Wohlstandsbegriff. Manche Modelle messen ausschließlich materiellen Wohlstand, andere beziehen nicht-materielle Bestandteile des Wohlstands mit ein. Möglich ist eine reine Konzentration auf Bestandsgrößen wie den Kapitalstock eines Landes oder den Bestand an Vogelarten. Diese werden immer an einem bestimmten Tag –  nicht über einen Zeitraum –  erhoben. Genutzt werden können aber auch – oder ausschließlich – Stromgrößen, die über einen bestimmten Zeitraum erhoben werden. Die wohl bekannteste Stromgröße ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), aber auch jährliche private Konsumausgaben oder staatliche Forschungsausgaben sind Stromgrößen. Bestands- wie Stromgrößen können monetär oder nicht-monetär ausgedrückt werden. So wird beispielsweise das BIP in Euro gemessen, der Bestand an Vogelarten nicht.

Messbarer Wohlstand: Wie viele Vögel haben wir?
Messbarer Wohlstand: Wie viele Vögel haben wir? (Foto: gynti_46 on flickr.com CC BY 2.0)

Ferner können die zur Wohlstandsmessung verwendeten Informationen auf statistischen – also „objektiven“ – Daten beruhen oder anhand subjektiver Einschätzungen zusammengestellt werden. Ersteres trifft z.B. auf den öffentlichen Schuldenstand eines Landes, die Lebenserwartung Neugeborener oder die Anzahl der Schulabbrecher eines Jahrgangs zu. Subjektive Einschätzungen beruhen auf persönlichen Befragungen von Menschen zu ihrem Gesundheitszustand, ihrer Zufriedenheit oder ihrer gesellschaftlichen Teilhabe.

Die Ergebnisse dieser verschiedenen Wohlstandsmessungen können zusammengefasst in einem Index oder nebeneinander in einem Indikatorensatz dargestellt werden.

Bisherige Diskussionsergebnisse der Projektgruppe 2

Die Projektgruppe 2 hat sich darauf verständigt, einen Indikatorensatz und keinen Index zur Messung von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität zu entwickeln. Mit drei bis fünf Dimensionen, die mit geeigneten Indikatoren unterlegt werden, werden differenzierte Aussagen über Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland getroffen. Diese Aussagen sollen sowohl über die Zeit als auch zwischen verschiedenen Ländern verglichen werden können.

Die Zusammenfassung dieser Indikatoren zu einem Index wäre technisch möglich und hätte den Vorteil, dass die daraus resultierende alleinige Ergebniszahl übersichtlich und leicht zu kommunizieren wäre. Um einen Index zu bilden, müssten jedoch alle Einzelindikatoren auf eine Einheit normiert, gewichtet und addiert werden. Verändert sich die Indexzahl, wäre nicht erkennbar, welche Indikatoren dies verursacht haben. Selbst wenn der Index von einem zum anderen Jahr gleich bliebe, wäre offen, ob alle enthaltenen Werte unverändert geblieben sind. Beispielsweise könnte  sich einer  deutlich verbessert und drei andere sich – in jeweils geringerem Umfang verschlechtert haben. Die vermeintliche Einfachheit der Kommunikation ginge deutlich zu Lasten der inhaltlichen Aussagekraft eines Index. Hinzu kommt, dass die notwendige Gewichtung der Einzelindikatoren immer auf persönlichen Werturteilen beruhen muss. Das Leben ist zu komplex und die individuellen Vorstellungen – insbesondere von Wohlstand und Lebensqualität – sind zu vielfältig, um sie mit einer einheitlichen Gewichtung und einer statistischen Normierung für alle sinnvoll in einem Index zusammenfassen zu können.

Diskutiert wurde in der Projektgruppe 2 bereits eine Dimension mit dem Arbeitstitel „materieller Wohlstand“. Denkbar sind hier als Leitindikatoren zur Beschreibung der gegenwärtigen Situation die jährliche Veränderung des BIP pro Kopf, und die Schuldenstandsquote , die die Staatsschulden in Relation zum BIP angibt.. Als Warnlampe ist eine Indikatorengruppe im Gespräch, die auf bevorstehende Blasenbildung auf den Finanz- oder Immobilienmärkten hinweist.

Aktuelle Herausforderungen in der Projektgruppe 2

Die für die verschiedenen Dimensionen auszuwählenden Indikatoren sollen vielfältigen Ansprüchen gerecht werden. Sie sollen sowohl im Zeitablauf als auch international vergleichbar sein. Ferner sollen die Indikatoren möglichst treffsicher den gewünschten Sachverhalt wiedergeben und zudem möglichst objektiv und umfassend messbar sein.

Eine Schwäche des BIP liegt darin, dass es nicht marktförmig erbrachte Leistungen wie unbezahlte Hausarbeit nicht erfasst. Diese Schwäche im neuen Indikatorensatz  mit Hilfe eines geeigneten Indikators zu beseitigen gestaltet sich aber als äußerst schwierig. So kann die unbezahlte Hausarbeit mit dem Stundensatz für Haushälterinnen bewertet werden (Generalistenansatz). Hausarbeit kann aber auch in ihre verschiedenen Komponenten zerlegt und bewertet werden (Stundensatz für Köche, Reinigungskräfte, Erzieherinnen, etc. – Spezialistenansatz). Denkbar ist ferner, die durchschnittlichen Lohnkosten oder die Opportunitätskosten zu verwenden. Letztere beschreiben die Kosten, die dadurch entstehen, dass die „Hausfrau“ keiner  weiteren bezahlten Arbeit nachgeht. Ebenso kann beim Stundenlohn der Arbeitgeberlohn (Bruttolohn plus Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) oder der Nettostundenlohn mit und ohne Bezahlung für Ausfallzeiten zugrunde gelegt werden. Eine „richtige“ Lösung gibt es nicht, doch bei den verschiedenen Ansätzen schwanken die Ergebnisse um ein Vielfaches.

Schließlich ist es wichtig, dass Indikatoren nicht politisch manipulierbar sind. Ist eine Kenngröße als Indikator ausgewählt und besteht für die Politik eine Möglichkeit, auf diese Kenngröße – beispielsweise durch eine Änderung der Berechnungsmethode oder Definition – Einfluss zu nehmen, gibt es insbesondere vor Wahlen den Anreiz, die Kenngröße zum eigenen Nutzen zu verändern.

Prof. Dr. Beate Jochimsen ist Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwissenschaft, an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie Forschungsdirektorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie ist Mitglied der Enquête-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”.

4 Kommentare zu »Der neue Indikatorensatz zur Wohlstandsmessung«

  1. VS schrieb:

    Das ist wohl das Problem in der abgehobenen Berliner CDU Bundestagsfraktion. Das der Sachverstand fehlt und man sich lieber mit Vogelnestern befasst.

    Gerade kommt die Meldung rein, dass es so viele Darlehen wie noch nie unter HARTZ IV Empfängern gibt. Die abgehobene Berliner (1.) Politklasse kennt halt nur noch (Lobby-) Bonzen und Vogelnester.
    Das Land droht auseinander zu fallen und gerade konservative Kreise tun alles um dem Raubtierkapitalismus Tür und Tor aufzumachen.
    Sogar das Totalverbot jedweder Kritik (siehe der Versuch der Bankster-kritischen Occupy Bewegung in Frankfurt am Main zu demonstrieren wurde ganz wie zu Honeckers Zeiten) verboten.

    Denn unter dieser Regierung dürfen rechtsradikale Gewalttäter unter Polizeischutz marschieren, während Marktkritiker und der kranken Globalisierung gegenüber stehende kritische Stimmen mundtot gemacht werden sollen, unterdrückt und mit Tornados überwacht.

    Ganz normale schizophren konservative Weltsicht ?
    Ich nenne es Doppelmoral !

  2. blogfraktion schrieb:

    Sehr geehrte(r) VS,

    Deutschland ist in guter Verfassung. Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren hervorragend entwickelt. Die Menschen haben Arbeit. Die Staatsschulden gehen zurück. Ein ausgeglichener Bundeshaushalt ist in Sichtweite. Die Euro-Staatsschuldenkrise hat Europa vor große Herausforderungen gestellt. Wir haben es aber geschafft, unsere Währung und damit die Basis für unseren Wohlstand stabil zu halten. Schauen Sie sich doch bitte die Bilanz an.

    http://bilanz.cducsu.de/

  3. Dr. Alexander Dill schrieb:

    Wir haben bereits seit 2 Jahren Kontakt mit dieser „Arbeitsgruppe“, die uns mitteilte, sie werde uns zu gegebener Zeit mitteilen, wenn sie Ergebnisse habe.
    Dass wir bereits seit 2009 neue Indikatoren, etwa Sozialkapital, entwickelt und in mehreren Ländern erprobt haben, interessiert die Gruppe nicht.
    Sie hangelt sich nur von Bericht zu Bericht. Kein Wunder, dass Länder weiter ihr BIP und ihre Wachstumsrate manipulieren.
    Amüsant auch das Posting von „blogfraktion“ mit dem Satz „Die Staatsschulden gehen zurück“. Wo denn?
    In so einer geschlossenen Welt von Funktionären ist weder Platz für innovative Forschung, noch für die von uns initiierte, freiwillige Tilgung der deutschen Staatsschulden (www.hurrawirtilgen.de).
    Sicher werden wir dazu auch 2016 einen „Bericht“ erhalten.
    Dr. Alexander Dill
    Vorstand
    Basel Institute of Commons and Economics

  4. Martin Zimdars schrieb:

    Die Frage der Indikatoren ist natürlich immer das Hauptproblem für eine Vergleichbarkeit von Wohlstandsmessung! Das Problem dabei ist immer, dass globale Faktoren immer zu wenig beachtet werden und deswegen die „ökologischen Faktoren“ immer weniger Bedeutung beigemessen wird, als ihnen angesichts ihrer Beduetung (z.B. Zunahme von Allergien in der Bevölkerung) eigentlich zukommen sollte. Nichtsdestotrotz: Sehr guter Artikel; das Thema sollte viel breiter in der Öffentlichkeit debattiert werden!

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