Netzpolitik

Auf dem Weg zurück ins Silo?

Innerhalb des Netzes entstehen neue Silos, die Abhängigkeit von Geräten und Anbietern schaffen (Foto: Marcus Ramberg on flickr.com, CC BY-NC 2.0)
Innerhalb des Netzes entstehen neue Silos, die Abhängigkeit von Geräten und Anbietern schaffen (Foto: Marcus Ramberg on flickr.com, CC BY-NC 2.0)

 

Meine ersten Online-Erfahrungen musste ich Anfang der Neunziger noch in der geschlossenen und vergleichsweise langweiligen Welt von BTX und Datex-J machen. Erst mit dem Aufkommen des World Wide Web öffnete sich für mich und die Masse der Menschen die Tür zu einer neuen wunderbaren digitalen Welt, zu der jeder dezentral Informationen hinzufügen und auf die jeder unabhängig von Endgerät und Zugangsanbieter zugreifen und verlinken konnte. Diese Freiheit hat innerhalb von wenigen Jahren das großartigste Informationsmedium der Geschichte entstehen lassen, ohne dass sich viele (auch ich) ihr Leben gar nicht mehr vorstellen könnten.

In den letzten Jahren erleben wir, dass sich die Entwicklung umkehrt. Innerhalb des Netzes entstehen neue Silos, die Abhängigkeit von Geräten und Anbietern schaffen und in denen Inhalte gespeichert sind, die sich nicht mehr von außen verlinken lassen. Apple schafft sich „sein“ Internet mit iTunes, iPads, iPhones und allem was dazu gehört. Facebook ist eine Welt für sich, an der man nur teilnehmen kann, wenn man sich mit seinem Profil anmeldet. Unternehmen, die früher universell verfügbare Webseiten entwickelt haben, konzentrieren sich heute auf den App-Markt und investieren ihre Kreativität in plattformspezifische Lösungen für Apple- und Android-Mobiltelefone. Der Begründer des World Wide Web Tim Berners-Lee hat diese Entwicklung bereits im Jahr 2010 in dem Artikel „Long Live the Web: A Call for Continued Open Standards and Neutrality“ sehr zutreffend beschrieben und beklagt.

Diese neuen Silos sind nicht „langweilig“ wie die oben beschriebenen zu Anfang der Neunziger. Im Gegenteil: Ihre Stärken sind gerade der Zusatznutzen, den sie ihren Kunden bieten, wie z. B. ihre leichte Bedienbarkeit oder die nahtlose Integration von Online-Angebot und Hardware. Die Entwicklung ist deswegen nicht aufzuhalten, auch wenn dies Vorkämpfer des universellen Netzes wie Tim Berners-Lee gerne sehen würden. Für die Gesellschaft und Politik wird es aber zu einem Problem, wenn dadurch die Vielfalt der Angebote oder die Chancengleichheit der Anbieter bedroht wird.

In der Enquete-Kommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ haben wir uns unter anderem in den Projektgruppen Netzneutralität bzw. Interoperabilität, Standards, Freie Software intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und Handlungsempfehlungen erarbeitet. Allerdings ist der Raum der überhaupt möglichen Handlungsoptionen nationaler Politik an dem jetzt eingetretenen Status Quo etwas zu verändern eng begrenzt. Es ist aber zu erwarten, dass die (technologische) Entwicklung des Internets weiterhin ähnlich dynamisch verläuft, wie in der Vergangenheit und dass sich bis in einigen Jahren wieder völlig neue Wachstumsmärkte und Anbieterkonstellationen ergeben.

Unterstellt man daneben eine weitere Digitalisierung von Lebensbereichen und Vernetzung von Alltagsgegenständen („Internet der Dinge“), wird deutlich, dass eine übergroße Abhängigkeit von einem einzelnen international agierenden Anbieter in einem Anwendungssegment zu größeren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen führen kann.

Um in Zukunft die Vielfalt von Angeboten zu erhalten und die gute internationale Wettbewerbsposition der deutschen Unternehmen auch in eine immer stärker digitalisierten Welt zu übertragen, müssen wir heute unseren Unternehmen die Rahmenbedingungen geben, überragende Technologien zu entwickeln und am Markt zu platzieren. Wir haben dazu als CDU/CSU-Fraktion heute hochkarätige Experten zum Kongress „Deutschland digital – Chancen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik“ eingeladen. Ich freue mich auf die Impulse.

 

Dr. Reinhard Brandl ist seit 2009 im Deutschen Bundestag und dort u. a. Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“.

2 Kommentare zu »Auf dem Weg zurück ins Silo?«

  1. Ex-CDUler schrieb:

    Herr (Dr.) Brandl,

    endlich mal ein Beitrag auf Blogfraktion.de. Bravo !

    Seit Monaten herrscht hier Stille im Wald.
    Das zeigt ja, wie wichtig es der CDU/CSU ist, in der digitalen Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen.

    Kommentare werden hier auf Blogfaktion.de von anonymen Admins regelmässig zensiert, so dass die „Öffentlichkeit“ nicht an Sie die Abgeordneten heran kommt. Das würde wohl den Frieden im gänzlich abgehobenen „Raumschiff Berlin“ (Zitat: Horst Seehofer) stören.
    Ich darf Ihnen Herr (Dr.) Brandl versichern, auch ich habe bereits zu Zeiten von BTX und Co. den „Online Kick“ gesucht und mich an Vernetzungsprojekten beteiligt.
    Was wir alle damals jedoch nie im Sinn hatten, war das Ausamaß an mißbräuchlicher Nutzung (wie bspw. auf CDU-Politik.de, wo man sich im Kommentarbereich zur Ausländerhatz verabredet, während „linkes Gesocks“ von rechten Adminideologen zensiert wird, wie auch hier auf Blogfraktion.de), dass neben Kinderpornos und Schnüffelsoftware das Web verseucht hat.

  2. blogfraktion schrieb als Antwort darauf:

    Nicht nur digitale Öffentlichkeit und Netzpolitik sind uns wichtig, sondern damit eng verknüpft auch die Einhaltung gängiger Forumsregeln. Soweit also Kommentare nicht gegen solch gängige Regeln verstoßen (nicht beleidigend, verletzend o.ä. sind) erscheinen diese unter dem entsprechenden Artikel. Die von Ihnen zitierte Plattform wird nicht von der CDU betrieben, daher können wir hier nur für uns sprechen.

Diskussionsbeitrag schreiben