Politik

Verbraucher müssen vertrauen können

Umetikettierungen sind Betrug und kriminell. Politik muss Bedingungen schaffen, damit der Verbraucher wieder vertrauen kann. (Foto: flickr/Divine Harvester, CC BY-NC-SA 2.0)
Umetikettierungen sind Betrug und kriminell. Politik muss Bedingungen schaffen, damit der Verbraucher wieder vertrauen kann. (Foto: flickr/Divine Harvester, CC BY-NC-SA 2.0)

 

Was ist eigentlich guter Verbraucherschutz? Und viel wichtiger: wer ist eigentlich dieser Verbraucher, den es zu schützen gilt?

Verbraucherschutz ist der falsche Begriff. Denn wir trauen den Menschen ja etwas zu, sehen in ihnen keine unmündigen Bürger, die man bevormunden muss, weil sie selbst nicht wissen – oder entscheiden können – was gut für sie ist.

Für uns sind die Verbraucher auch keine gefährdete Froschart, die wir hätscheln und einzeln über die Straße tragen wollen. Stattdessen bauen wir ihnen Brücken und setzen Hinweisschilder an die Straße. Aber wir überlassen ihnen die Entscheidung, ob sie überhaupt auf die andere Straßenseite wollen und bestrafen sie nicht, wenn sie sich dagegen entscheiden.

Wir trauen den Menschen etwas zu. Wir überfordern sie aber nicht. Deshalb passt das Leitbild des mündigen Verbrauchers auch nicht mehr in die heutige Zeit. Wer von uns kann denn überhaupt noch den Überblick behalten, wenn in unseren Supermarktregalen hundertausende Lebensmittel-Produkte stehen, ich zwischen 800.000 Finanzprodukten wählen kann und wir sogar schon morgens entscheiden müssen, ob wir uns unsere Zähne per Hand, elektrisch oder mit Schwingkopf putzen wollen. Diese Angebotsfülle ist ein echter Luxus, überfordert uns aber im Alltag. Wir können nicht in allen Bereichen, die uns betreffen und in denen wir entscheiden müssen, mündig sein.

Deshalb müssen wir vertrauen. Wir müssen uns auf die öffentlich zugänglichen Aussagen über die Qualität und die Preise von Produkten verlassen können. Und danach eigenverantwortliche Entscheidungen treffen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir in Deutschland gute Bedingungen, Informationen und Gesetze haben. Nur so können sich Märkte entwickeln, denen man auch wirklich vertrauen kann. Aus diesem Grund ist der Skandal um das als Rindfleisch getarnte Pferdefleisch auch so ungeheuerlich. Das ist Betrug und kriminell. Und am schlimmsten ist, dass das Vertrauen der Verbraucher in eine gesamte Brache dadurch erschüttert wird.

Unsere Verbraucherpolitik ist gut. Das beweist der Verbraucherpolitische Bericht, der bereits vor einem Jahr vorgelegt wurde und über den wir heute im Plenum debattiert haben. Der Bericht ist Bilanz und Ausblick und jede Woche kommen neue Erfolge hinzu: von Projekten zur Übergewichtsprävention bei Kindern über die Buttonlösung zum Schutz vor Abzocke durch Abo-Fallen im Internet bis hin zu verbraucherfreundlichen, kostenlosen Warteschleifen. Aber darauf ruhen wir uns nicht aus. Die Lebenswelt und die Bedürfnisse der Verbraucher ändern sich schnell, und das stellt uns ständig vor neue Herausforderungen – darauf reagieren wir als Gesetzgeber. Mein Leitbild des Verbrauchers ist dabei der „vertrauen-könnende“ Verbraucher und das ist gleichzeitig auch der Auftrag an die Politik: die Bedingungen zu schaffen, dass er das auch immer kann: vertrauen.

Passt das Leitbild des mündigen Verbrauchers, fragt Mechthild Heil auch in ihrem aktuellen Videopodcast.

httpv://www.youtube.com/watch?v=FcHHWXE-yNA

 

 

2 Kommentare zu »Verbraucher müssen vertrauen können«

  1. Lula Latein schrieb:

    Vertrauen kann man nur, wenn die Sprache des Anderen verständlich ist und die Handlungen dem Versprochenen entsprechen. Nur wer wirklich versteht, ist auch mündig im Sinne von verstandener Verantwortung. Dagegen steht die rasante Reduzierung der Allgemeinbildung. Der Gesetzgeber setzt voraus, dass alle Käufer sowohl den Beipackzettel der Arzneien, der diffizilen und nicht zu wertenden Angaben auf Lebensmittelverpackungen und den englischen Verführungsbeschreibungen auf nahezu allen Kosmetikartikeln versteht, aber weit gefehlt. Selbst Fachleute müssen Spezialliteratur wälzen, um ein dann immer noch lückenhaftes Wissen über die Inhalte zu haben. Auf immer mehr Artikeln des täglichen Gebrauchs und nahezu immer bei online gekauften Produkten fehlt die deutsche Sprache total. Vertrauen ohne zu verstehen ist aber nicht möglich.

  2. Lula Latein schrieb:

    Die Frage: „Passt das Leitbild des mündigen Verbrauchers?“ ist klar und eindeutig zu verneinen. Denn der Verbraucher wird absichtlich dumm gehalten. Stattdessen werden ihm per Gebrauchsanweisung absolut unsinnige Verhaltensweisen als mögliche Schwierigkeiten präsentiert. An einem Tag 10 Liter Cola trinken ist ungesund. Das Brot nicht mit der Verpackung essen. Benzin nicht in der Scheune anzünden, etc.. Mit solchen Sprüchen wird die Unmündigkeit auch noch dokumentiert. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber Kontrolle ohne Wissen ist nicht möglich. Alle wissen, dass ein Ei für Cent 12 bei den Discountern unter normalen Bedingungen nicht hergestellt werden können. Alle wissen, dass Jeans bei KIK für € 9,95 nicht unter menschlichen und technisch einwandfreien Bedingungen angeboten werden können. Aber der Preis fegt alle Bedenken hinweg. Wird dann der Betrug offenbar, wird mit Entsetzensschreie über die Bösen geklagt, die lediglich die billige Dummheit der Käufer genutzt haben. Und da die Allgemeinbildung weiter dramatisch sinkt, wird dieser Zustand zum Standard.

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