Politik

Erhöhung der Contergan-Renten

Wir verbessern die Situation contergangeschädigter Menschen in Deutschland (Foto: Frank Leonhardt dpa/lby)
Wir verbessern die Situation contergangeschädigter Menschen in Deutschland (Foto: Frank Leonhardt dpa/lby)

Schon in der vergangenen Legislaturperiode haben wir uns im Deutschen Bundestag intensiv mit der Lebenssituation contergangeschädigter Menschen beschäftigt. Damals hat der 50. Jahrestag der Markteinführung des Schlafmittels Contergan unsere Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Betroffenen gelenkt. In einem bewegenden Film, in Reportagen, zahlreichen Briefen und E-Mail wurde uns vor Augen geführt, wie schwer das tägliche Leben der contergangeschädigten Menschen ist und mit dem Alter zunehmend wird. Deren Schicksal hat uns bewegt und wir haben einige Hilfen auf den Weg gebracht: Wir haben die Contergan-Renten zum 1.7.2008 verdoppelt. Wir haben die Conterganrenten gegenüber anderen Leistungen des Sozialgesetzbuches anrechnungsfrei gestellt. Wir haben das Conterganstiftungsgesetz novelliert: Mit einer Zustiftung der Firma Grünenthal in Höhe von 50 Millionen Euro und dem noch vorhandenen Stiftungskapital von ebenfalls 50 Millionen Euro konnten wir eine jährliche Sonderzahlung in Höhe von bis zu 4.200 Euro für die Contergangeschädigten ausreichen, mit der Bedarfe gedeckt werden können, für die keine andere Stelle aufkommt. Und nicht zuletzt haben wir eine Forschungsstudie initiiert, die über die speziellen Bedarfe und Versorgungsdefizite der älter werdenden contergangeschädigten Menschen informieren sollte.

Diese Studie des Gerontologischen Instituts der Universität Heidelberg liegt nun vor und belegt: Durch die jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken, Muskulatur und Zähnen sind bei allen Betroffenen Spät- und Folgeschäden aufgetreten, die die Lebensqualität stark beeinträchtigten. Die Verluste von Fähigkeiten und Fertigkeiten haben sich in den letzten Jahren stark beschleunigt. Auch psychische Folgeschäden, wie depressive Erkrankungen treten aufgrund der jahrelangen körperlichen Beeinträchtigungen verstärkt zutage. Es besteht dringender Handlungsbedarf für die Sicherstellung einer angemessenen Unterstützung der älter werdenden Betroffenen, und wir haben erneut reagiert und einen  Gesetzentwurf vorgelegt, der weitere Hilfen gewährt:

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Hilfen werden wir die contergangeschädigten Menschen rückwirkend ab dem 1.1.2013 jährlich mit weiteren 120 Millionen Euro unterstützen. 90 Millionen Euro sind für die Erhöhung der Contergan-Renten vorgesehen, die sich nach dem Schweregrad der Behinderung staffeln. Die Höchstrente für die am schwersten Geschädigten wird von derzeit 1.152 Euro auf 6.912 Euro monatlich steigen. Die deutliche Erhöhung hat den Vorteil, dass die Betroffenen einen Großteil ihrer Zusatzbedarfe (Assistenz, behindertengerechter Umbau eines PKWs) pauschal decken können ohne aufwändige Einzelfallprüfung.

Für die Deckung spezifischer Bedarfe der Betroffenen werden darüber hinaus in einem Fonds bis zu 30 Millionen Euro jährlich bereitgestellt. Auf Antrag werden Rehabilitationsleistungen, Heil- und Hilfsmittel sowie zahnärztliche und kiefernchirurgische Behandlungen bezahlt – soweit solche Maßnahmen nicht von anderen Kostenträgern übernommen werden. Die Leistungen werden von der Conterganstiftung ausgezahlt – nach Richtlinien, die das Bundesfamilienministerium erlässt.

Im Interesse einer höheren Einzelfallgerechtigkeit wird – auch auf Wunsch der Betroffenen – das Punktesystem für die Ermittlung des Schweregrades der Behinderung angepasst und weitere Schadensstufen eingeführt. Darüber hinaus regelt der Gesetzentwurf, dass sofern contergangeschädigte Menschen Sozialhilfe erhalten, unterhaltspflichtige Angehörige im Bedarfsfall nicht vom Träger der Sozialhilfe in Anspruch genommen werden können.

Ich bin zuversichtlich, dass wir mit den zusätzlichen Hilfen eine angemessene Unterstützung für die Conterganopfer sicherstellen können.

 

2 Kommentare zu »Erhöhung der Contergan-Renten«

  1. Birgit Ohletz schrieb:

    Sehr geehrte Frau Bär,
    mein Lebensgefährte ist contergangeschädigt und ich weiß daher von der Problematik und kenne die Schwierigkeiten. Lange lange habe ich auf Hilfe und Unterstützung gehofft.Nun hoffe ich inständig auf baldige Auszahlungen.
    Es ist sehr schwer, den Alltag zu bewältigen wenn der Rollstuhl kaputt ist oder andere Hilfsmittel ausfallen.Erstmal einen Kostenvoranschlag bringen, dann auf das Wohlwollen der Sachbearbeiterin hoffen,bis endlich eine Reparatur genehmigt war. Viel Zeit ist dabei vergangen – manchmal bis zu 3 Monate,mindestens aber 6-8 Wochen, in denen wir ans Haus gebunden waren(„Sie sind doch Rentner und haben Zeit.Bleiben Sie zuhause,“ die Antwort der Krankenkasse).
    Mit dem neuen Gesetzesentwurf,d.h. mehr Geld, können wir vieles selbst regeln.Endlich ein Ende der Diskreminierungen-endlich selbstbestimmt. Hoffentlich bald !!!
    Leider verstehe ich nicht, warum die bereits erstellte Conterganrententabelle noch geändert werden soll? Die Zeit läuft!
    Liebe Grüße

  2. Angelika schrieb:

    Sehr geehrte Frau Bär,
    ich hatte mich gefreut, wirklich gefreut über ein bahnbrechendes Ergebnis in unserer Sache. Aber ich bin nur noch enttäuscht! Die Information, die nach außen von den Medien verbreitet wird ist schlicht und einfach nicht richtig. Da wird von fast 7000€ gesprochen und jetzt denken alle Leute, alle Contergangeschädigte bekommen „sooo viel“. Ich erhalte „nur“ eine Erhöhung um 150%. Auch ich habe meine Folgeschäden – meine HüftOP´s wurden kpl. gestrichen, weil Nervenstränge und Gefäße falsch liegen und so werde ich lebenslang mit Schmerzen u.Einschränkungen leben, die keiner von Ihnen ertragen möchte. Ich bräuchte ein anderes Auto, Assistenz um meine Lebensqualität zu erhalten. Arbeiten kann ich schon lange nicht mehr. Verzeihen Sie: Aber Gerechtigkeit wurde da nicht geschaffen. Warum keine einheitliche Anhebung? Keine erneute Überprüfung der Schadenspunkte? Verstehen kann das niemand in meinem Umfeld. Der Beschluß ist außen hui und innen pfui…

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