Medien, Netzpolitik

Meinungsmacht im Netz: Zählt nur die Größe?

Wir denken nicht! Wir googeln. (Foto: picture alliance / ZB)
Wir denken nicht! Wir googeln. (Foto: picture alliance / ZB)

In diesem Gastbeitrag betrachtet Prof. Dr. Christoph Neuberger für uns, wie sich die Meinungsmacht der Medien durch das Internet verändert.

Meinungsmacht hat, wer die öffentliche und individuelle Meinungsbildung nach seinem Willen beeinflussen kann. Genauer gesagt: Über Macht verfügt, wer die öffentliche Meinung bestimmen kann – also jene Meinung, der die größte Überzeugungs- und Durchset­zungs­kraft unterstellt wird. Meinungsmacht ist außerdem die Fähigkeit, das Urteil und Handeln der einzelnen Bürgerinnen und Bürger in politischen Dingen zu be­einflussen. Um Meinungsbildung zu erklären und zu messen, sind komplexe Theorien und aufwendige Untersuchungen notwendig. Von alledem kann im Rundfunkrecht aber nicht die Rede sein: Dort wird die Meinungsmacht mit dem Zuschaueranteil gleichgesetzt. Ab einem Marktanteil von dreißig Prozent, so wird vermutet, verfügt ein Anbieter über vorherrschende Meinungs­macht im nationalen Fernsehen. „Größe ist Macht“, lautet die Formel.

Worauf beruht Meinungsmacht?

Doch diese Formel ist zu einfach, denn viele andere Faktoren bestimmen die Bildung von Meinungsmacht – gerade im Internet. Nicht in Rechnung gestellt wird bisher zum Beispiel, woraus das Programm besteht: Besitzt es einen hohen journalistischen und politischen Anteil? Oder dominiert politikferne Unterhaltung? Auch wenn man nicht ausschließen kann, dass jede Art von Inhalt – wenigstens marginal – auch politisch relevant ist, so bestehen doch er­heb­liche Unterschiede in der Bedeutung für die politische Meinungsbildung (PDF).

Auch die Art der Präsentation unterscheidet sich erheblich: Meinungen können einerseits durch Manipulation und Emotion beeinflusst werden, andererseits durch eine überlegene rationale Argumentation. Letztere ist in einer Demokratie wün­schens­wert, was die Frage aufwirft: Muss auch jene Mei­nungs­macht beschnitten werden, die auf der Kraft des besseren Arguments basiert?

Wie Meinungsmacht im Netz entsteht

Durch den Fall Springer/ProSiebenSat.1 ist die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie die Meinungsmacht der verschiedenen Einzelmedien einzuschätzen ist. Die Übermacht des Fernsehens wird verfassungsrechtlich mit seiner Suggestivkraft, Breitenwirkung und Aktualität begründet. Dahinter steht ein bestenfalls antiquiertes, im Detail nie genauer begründetes Wirkungsverständnis. Wie viel Macht die verschiedenen Medien haben, ist nach der KEK-Entscheidung lebhaft diskutiert worden.

Besonders viele Fragen wirft dabei das Internet (PDF) auf:  Das Internet umfasst – anders als Rundfunk und Presse – überwiegend Angebote, die publizistisch und politisch wenig bis gar nicht relevant sind. Spätestens hier muss also inhaltlich zwischen den Angeboten differenziert werden.

Meinungsmacht entsteht im Internet anders als in den traditionellen Massenmedien: Hier entscheiden nicht mehr einige machtvolle „Gate­keeper“ darüber, welche Themen und Meinungen überhaupt in die Öffent­lich­keit gelangen. Dieses Monopol haben die Redaktionen der alten Medien im Netz verloren. Dennoch hat es den Anschein, dass sich an den Machtverhältnissen wenig geändert hat: Nutzerstatistiken sehen unter den Inhalteproduzenten bekannte Medienmarken ganz oben, die ihre Reichweite crossmedial erweitern konnten. Berechnungen von Matthew Hindman („The Myth of Digital Democracy“) für die USA zeigen sogar, dass der Grad der Konzentration im Internet noch größer ist als in alten Medienmärkten. Vielfaltssicherung ist also auch im Internet eine medienpolitische Aufgabe geblieben.

Indirekte Effekte im digitalen Netzwerk

Fragt man nach der Größe des Publikums, so reicht es im Internet nicht aus, nur den direkten Kontakt mit einem Angebot zu messen. Im Internet gewinnt die indirekte, mehrstufige Verbreitung im dezentralen Netzwerk an Bedeutung. Solche viralen Effekte lassen sich in mehrere Richtungen beobachten: Social Media sind eine Art Resonanzraum der Medien, weil dort ihre Themen weiterverbreitet und diskutiert werden. Umgekehrt recherchieren (PDF) Redaktionen in Social Media. Außerdem fördert das Internet die Orien­tierung der Redaktionen untereinander: Worüber ein Leitmedium wie „Spiegel Online“ berichtet, wird von vielen anderen Redaktionen beobachtet und aufgegriffen. Durch solche Übernahmen verstärkt sich der Einfluss des Herkunftsangebots.

Google & Facebook

Und wie sind die „Internetriesen“ Google und Facebook einzuschätzen? Auch hier kommt es nicht nur auf den Marktanteil an, sondern auch auf ihre Funktion: Such­ma­schinen (PDF) und soziale Netzwerke produzieren nicht selbst Inhalte, sondern sortieren bereits Publiziertes oder ermöglichen Nutzern, eigene Inhalte ins Netz zu stellen. Dies begrenzt ihre Möglichkeit der Einflussnahme. Außerdem ist der Anteil politischer Suchziele und Postings – aufs Ganze gesehen – vermutlich gering.

Was leicht übersehen wird: Auch nichtpublizistische Anbieter wie Parteien, Politiker und Interessengruppen erringen im Internet Meinungsmacht, denn sie können sich ungefiltert an das Publikum wenden und müssen nicht mehr den Umweg über die Redaktionen gehen.

Was erforscht werden muss

Vor allem die Macht von Suchmaschinen, Social Media und nicht­publizistischen Anbieter ist noch keineswegs klar. Gegenwärtig wird erforscht, nach welchen Mustern Themenkarrieren und Meinungsbildungsprozesse im Internet verlaufen und welche Rolle sie dabei spielen. Eins zumindest steht fest: Viel­falts­sicherung hat sich im Internet nicht erledigt. Vielmehr wirft es Fragen auf, die grundsätzlich die Bestimmung, Bewertung und  Begrenzung von Mei­nungs­macht betreffen.

 

Prof. Dr. Christoph Neuberger lehrt seit 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit den Forschungsschwerpunkten Journalismus (Theorie, Arbeitsmarkt und Qualifizierung), Internet (Öffentlichkeit und Journalismus im Internet, Aktivitäten von Presse und Rundfunk im Internet, Suchmaschinen, partizipative Formate), Medienqualität und -regulierung, Medienwandel.

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