Ländliche Räume, Politik, Wirtschaft

Bewusstsein für Landwirtschaft stärken

Der ländliche Raum ist ein komplexes System, das ineinandergreift und aufeinander angewiesen ist. (Foto: flickr/twicepix, CC BY-SA 2.0)
Der ländliche Raum ist ein komplexes System, das ineinandergreift und aufeinander angewiesen ist. (Foto: flickr/twicepix, CC BY-SA 2.0)

 

In Zusammenarbeit zwischen CDU/CSU und FDP hat die Arbeitsgruppe  „Ländliche Räume, regionale Vielfalt“  in den vergangenen Monaten 105 konkrete Vorschläge zur Stärkung des ländlichen Raums erarbeitet. Parallel dazu erschien jetzt eine Broschüre der Unionsfraktion, die einen Überblick über die Vielfalt des Themas gibt. In lockerer Folge geben wir verschiedene Beiträge daraus wieder.

Magdalena Zelder

 

Landwirtschaft –Motor und Rückgrat des ländlichen Raumes 

Landwirtschaft ist mehr als ein Wirtschaftssektor. Landwirtschaft ist viel mehr. Land- und Forstwirtschaft sowie deren vor- und nachgelagerten Bereiche, wie z. B. die Futtermittel-, Landmaschinen-, Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie sowie die Ernährungsindustrie, bilden das Rückgrat des ländlichen Raumes. Die Kulturlandschaft, wie wir sie in Deutschland kennen, Traditionen, mit denen wir aufgewachsen sind, und eine Vielfalt von landwirtschaftlichen Produkten begleiten uns jeden Tag. Die Zukunft der Landwirtschaft und damit der ländlichen Räume ist eine große Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Für einen aktiven ländlichen Raum wird es keine Musterlösungen geben. Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!

Die Menschen in Deutschland kennen Natur nahezu ausschließlich als Kulturlandschaft, z. B. die Lüneburger Heide oder die Weinberge an der Saar, Mosel und am Rhein. Die uns vertraute natürliche Vielfalt besteht häufig nur aus verschiedenen Kulturlandschaften, und diese wiederum entstehen durch die Nutzung der natürlichen Ressourcen zu landwirtschaftlichen Zwecken im Rahmen der guten fachlichen, landwirtschaftlichen Praxis. Doch diese gesellschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft und die damit verbundenen hohen Anforderungen sind nicht zum Nulltarif zu haben. Landwirtschaft wird für die Gesellschaft in der Zukunft noch wichtiger werden – insbesondere vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und einer damit einhergehenden steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Energie sowie einer weiteren Liberalisierung der Agrarmärkte, der Klimaveränderung und des Verbrauchs der fossilen Energieträger. Die Agrarwirtschaft sowie der Wert ihrer hoch qualitativen Produkte müssen sowohl von der Gesellschaft als auch von ihren Marktpartnern anerkannt werden. Ein fairer Umgang mit den Produzenten und Produzentinnen und deren Partnern ist unablässig.

Politische Wertschätzung für die ländlichen Räume

Junge Menschen entscheiden sich nicht für ein Leben in der Landwirtschaft, wenn die Rahmenbedingungen auf dem Land nicht gegeben sind. Hier gilt es, ökonomische und auch demographische Entwicklungen der ländlichen Räume und deren Wohn- und Lebensqualität ganzheitlich, im Zusammenhang mit dem Erhalt der sozialen und kulturellen Infrastruktur für junge Menschen und Familien zu betrachten. Dort wo es keine Jugendverbandsarbeit und keine Angebote für Jugendliche, Familien und Kinder mehr gibt, wird es auch mit der ökonomischen Entwicklung problematisch werden.

Der ländliche Raum ist ein komplexes System, das ineinandergreift und aufeinander angewiesen ist. Demografische Entwicklungen sind gestalt- und beeinflussbar. Deshalb ist es wichtig, dass die ländlichen Räume mehr positive politische Wertschätzung hinsichtlich ihrer Innovationskraft, sozialen und kulturellen Stärke, ökonomischen Entwicklung und ihrer natürlichen Ressourcen erfahren. Wer politisch Verantwortung übernehmen will und die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland gestalten möchte, muss deshalb in erster Linie die ländlichen Räume und deren Reputation und Entwicklung in den Blick nehmen. Von großer Bedeutung sind moderne Informationstechnologien. Gerade bei der Versorgung mit Breitband gibt es jedoch noch etliche „weiße Flecken“ auf der deutschen Landkarte des schnellen Internets. Die Netzagentur ist aufgefordert, schnell und kompromissorientiert zu handeln, Lösungen zu generieren und nicht nur den Streit der kommerziellen Anbieter beobachtend zu begleiten.

Betriebliche Modelle für Nachfolgen und Übernahmen

Die Betriebsnachfolgen und -übernahmen stellen die Zukunft der landwirtschaftlichen Branche und vielfach auch die Zukunft der ländlichen Räume dar. Dabei ist es von großer Bedeutung, auf der Basis belastbarer Fakten und Daten Entscheidungen zu treffen. Landwirtschaftliche Produktion findet nicht in „romantisierten“ Betrieben statt, wie es von den Massenmedien suggeriert wird, es handelt sich um mittelständische Unternehmen mit einem Kapital- und Investitionsaufkommen, das sich von Kleinunternehmen deutlich unterscheidet. Landwirtschaft ist nur in wenigen Fällen als Nischenproduktion auf kleinerem Niveau betreibbar. Vielmehr bedeutet es in erster Linie betriebswirtschaftlich zu denken und zu entscheiden und dabei Leidenschaft für Tiere, Natur, seine Flächen, Anbau und Produktion zu besitzen. Aus diesen Gründen bedarf es in der Landwirtschaft gerade für Übernehmer und Übernehmerinnen von Höfen sowie für Nachfolger und Nachfolgerinnen betriebliche Modelle, die betriebswirtschaftliche Orientierung hinsichtlich Investition, Finanzierung und strategischer Produktentscheidungen geben. Dazu müssen auch gesetzliche und politische Rahmenbedingungen überprüft und ggf. neu gestaltet werden.

Verpflichtende Förderung von Junglandwirten

Damit Landwirte und Landwirtinnen ihre Betriebe strategisch gut für die Zukunft ausrichten können, müssen mehr als je zuvor, Innovationen und hochmoderne Technik in den Betrieben Einzug halten, um für die Zukunft marktwirtschaftlich gut aufgestellt zu sein. Auch wenn sich die Politik stärker aus Marktfragen zurückzieht und sich gerade die Junglandwirte und Junglandwirtinnen verstärkt als Unternehmer und Unternehmerinnen wahrnehmen, brauchen wir nach 2013 eine Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) als starke und nachhaltige Politik für die Europäische Union. Sie muss einen unterstützenden ordnungspolitischen Rahmen für die steigende Markt und Wettbewerbsausrichtung der Landwirtschaft bieten. Es geht neben der Verlässlichkeit und Planungssicherheit in inhaltlicher und finanzieller Gestalt auch um den Abbau des enormen Bürokratieaufwands. Zudem müssen die finanziellen Mittel in der ersten und zweiten Säule der GAP beibehalten werden – ohne Einschränkung der Produktion, wie sie das vorgeschlagene Greening (Flächenstilllegung für ökologische Zwecke) vorsieht.

Es ist zudem in besonderem Maße wichtig, sich für eine verpflichtende Junglandwirteförderung (bundeseinheitliches Förderprogramm) im Rahmen der GAP nach 2013 einzusetzen – liegt doch die Zukunft der landwirtschaftlichen Betriebe in der Hand der Junglandwirte und Junglandwirtinnen. Diese Förderung sollte eine Investitionsunterstützung für motivierte Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen darstellen, die innovative Betriebskonzepte umsetzen und damit den anspruchsvollen Marktbedingungen und steigenden gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht werden.

Kampf um kluge Köpfe

Angesichts der steigenden Anforderungen an die Landwirtschaft, der zunehmenden Spezialisierung und des wachsenden Konkurrenzkampfs mit anderen Wirtschaftsbranchen um fitte, junge Leute gewinnt eine individuell angepasste Qualifizierung zunehmend an Bedeutung. Um die „grünen Berufe“ attraktiv zu gestalten und auch junge Menschen, die nicht aus dem direkten Umfeld der Landwirtschaft kommen, für diesen Beruf zu begeistern, muss zunächst das Image der Landwirtschaft verbessert werden. Zudem muss ein Bildungsfonds für die passgenaue Weiterbildung des Berufsnachwuchses bereitgestellt werden. Hieraus kann z.B. eine Art „Weiterbildungs- Bafög“ auf bestehende Fortbildungsmöglichkeiten in Deutschland finanziert werden, um qualifizierte personen- und betriebsbezogene Weiterbildung für zukunftsfähige Betriebe zu gewährleisten.

Der Bund der Deutschen Landjugend hat sich bei der Zukunftsinitiative ZIEL 2030 mit der Zukunft der Landwirtschaft beschäftigt. Die Agrarbranche, die Politik und die Gesellschaft, wir alle müssen Landwirtschaft auf einer realistischen Ebene kommunizieren. Wenn wir es schaffen, dass 2030 jedem deutschen Bürger, der Nahrungsmittel isst, bewusst ist, dass er damit Landwirtschaft „betreibt“, dann haben wir alles richtig gemacht. Denn dann herrscht eine positive Einstellung zur Nahrung und zur Nahrungsmittelproduktion in Deutschland vor. Dann wird es auch in Deutschland den zukunftsfähigen ländlichen Raum geben, mit den unterschiedlichsten Lösungsansätzen. Denn ländlicher Raum ist nicht gleich ländlicher Raum. Krempeln wir die Arme hoch. Packen wir es an.

Magdalena Zelder ist Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend. 

Dieser Beitrag ist der Broschüre Ländliche Räume, regionale Vielfalt (PDF) entnommen.

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