Finanzmarkt, Politik, Verbraucherschutz

Zinsenzirkus

Wir brauchen keine Zinsdeckelung, wir brauchen mehr Transparenz. Banken müssen im Internet und über Aushänge deutlich machen, wie viel ihre Kunden zahlen müssen, wenn sie ihr Konto überziehen. (Foto: CHROMORANGE / BILDERBOX)
Wir brauchen keine Zinsdeckelung, wir brauchen mehr Transparenz. Banken müssen im Internet und über Aushänge deutlich machen, wie viel ihre Kunden zahlen müssen, wenn sie ihr Konto überziehen. (Foto: CHROMORANGE / BILDERBOX)

Rot-Grün und die Sommerloch-geplagten Medien halten zu hohe Dispo-Zinsen für das Aufreger-Thema des Tages, weil es die Verbraucher trifft, wo es besonders weh tut: am Geldbeutel. Deswegen fordern sie nun, die Höhe der Dispo-Zinssätze gesetzlich zu begrenzen. Diese Forderung halte ich für puren Populismus.

Verbraucherministerin und Wirtschaftsexperten haben vernünftige Argumente gegen einen Deckel: eine starre Obergrenze bringt die Gefahr mit sich, dass alle Anbieter diese Grenze ausschöpfen und dadurch der Wettbewerb und günstigere Zinssätze verhindert werden. Zudem kann der erzwungene Deckel dazu führen, dass Banken ihre Einnahmen anders generieren, zum Beispiel indem sie die Kontoführungsgebühren erhöhen. Und dann zahlen eben alle mit, damit einige ihre Konten günstiger überziehen können.

Aber diese Argumente dringen nicht mehr durch, weil sie gegen das Vorurteil nicht ankommen, dass die bösen Banken wehrlose Verbraucher abzocken und die Regierung sie einfach gewähren lässt.

Das weiß vermeintlich jeder Stammtisch besser als die Branchenkenner.

Schauen wir uns einmal an, worum es hier eigentlich geht. Die Bild titelt heute empört: „14,75%: die dreiste Abzocke mit dem Dispo“ und zitiert Student Oliver S. aus Berlin, der nicht immer seine bis zu 200 Euro teuren Handy-Rechnungen direkt bezahlen kann. Konkret heißt das: Bei seiner Bank, die nur wenig unter dem „Abzockzinssatz“ liegt, würde ihn das gerade mal 2 Euro für einen Monat Überziehung kosten. 2 Euro sind nicht viel für jemanden, der für 200 Euro im Monat telefoniert.

Wenn jemand sein Konto um mehrere tausend Euro überzieht? Ja, dann wird es teurer. Dann zahlt er dafür, dass er sich unangekündigt Geld von seiner Bank leiht, die das Risiko trägt. Dann kann er aber einen Kredit aufnehmen, der ihm bessere Konditionen bietet. Das kann man Menschen, die geschäftsfähig sind, schon zutrauen.

Ich finde es unerträglich, dass Rot/Grün den Menschen offenbar nicht zutraut, für sich selbst zu denken. Jedem Verbraucher ist klar, dass er für Leistung auch etwas zahlen muss. Die kleine Bank vor Ort mit Filialen in jeder Ortschaft hat einfach höhere Kosten als eine Direktbank – und dafür müssen die Kunden zahlen und die meisten sind auch bereit dazu. Wer das nicht ist, kann die Bank wechseln. Es gibt auch Institute, die weniger als 5% Überziehungszinsen fordern – und das liegt weit unter dem geforderten Deckel!

Liebe Roten, liebe Grünen: der Bank-Kunde ist kein Opfer! Traut ihm zu, selbst entscheiden zu können, welche Bank-Konditionen er wählt (und wann er Fleisch essen will).

Wir brauchen keine Zinsdeckelung. Was wir aber brauchen ist mehr Transparenz! Das erwarte und verlange ich auch von den Banken: Dass sie im Internet und über Aushänge deutlich machen, wie viel ihre Kunden zahlen müssen, wenn sie ihr Konto überziehen. Es darf nicht sein, dass Banken auch auf Nachfrage diese nicht offen legen. Wir wollen einen selbstbestimmten Verbraucher, der sich informiert. Wir wollen Wettbewerb, der den Verbrauchern zum Vorteil gereicht. Dazu gehört aber auch, dass die Banken ihre Konditionen so transparent wie möglich machen. Wenn sie sich nicht an die Regeln halten, dürfen sie in dem Spiel nicht mitspielen. So einfach ist das.

4 Kommentare zu »Zinsenzirkus«

  1. collieliebe schrieb:

    Liebe Frau Heil,

    jetzt wo die Medien darauf aufmerksam machen, dann erst kommt die Politik ins Spiel!
    Darf ich mal höflichst fragen „warum erst jetzt“? Es ist Ihnen, wie vielen mündigen Bürgern auch, doch schon seit langem bekannt, das wir von den Sparkassen und Banken „abgezockt“ werden!
    Gerade hier im ländlichen Raum – kein großer Wettbewerb – der Kunde muss es ja akzeptieren!

    Frau Heil, ich zitiere o.g.:
    Dann zahlt er dafür, dass er sich unangekündigt Geld von seiner Bank leiht, die das Risiko trägt. Dann kann er aber einen Kredit aufnehmen, der ihm bessere Konditionen bietet. Das kann man Menschen, die geschäftsfähig sind, schon zutrauen.

    Wie die Politik halt ist, halten „wir“ uns doch immer ein „Türchen“ auf. Lesen Sie doch mal bitte o.g. Satz genauestens durch – „unangekündigt“ „Kredit“ – was soll das denn? Sie beurteilen, nein verurteilen hier doch wieder einfach mal so pauschal alle !!! mündigen Bürger!!!

    Liebe Frau Heil – verstehen werden sie die wenigsten Mitmenschen, ich glaube das die meisten wissen – was Sie und Ihre Partei wirklich wollen!

    In diesem Sinne hoffe ich das sich bald etwas tut – ob dann die Regierung, die im Moment die „Macht“ hat, die richtige ist –
    das wage ich zum derzeitigen Zeitpunkt doch zu bezweifeln!

    Liebe Grüße
    E.V.

  2. Kappe schrieb:

    Frau Heil findet die treffenden Worte für die Sache!
    Endlich mal eine Politikerin, die argumentieren und auch noch schreiben kann. Das hebt sich wohltuend von den meist bloß ideologischen, inhaltlich mageren und stilistisch erbärmlichen Wortmeldungen anderer Politiker ab (übrigens nicht nur vom Gerede „der anderen“, sondern auch von den Texten in diesem Blog)! Die meisten Texte sind offenbar nur für Leser bestimmt, die sowieso schon überzeugt sind – und die weder Informationen haben wollen noch Argumente brauchen (und zudem großzügig über sprachliches Unvermögen hinwegsehen, wenn nur die Meinung „stimmt“). Interessierte und kritische Leser (wie mich!) schreckt das nur ab …
    Das wollte ich schon lange mal loswerden – aber jetzt habe ich die Gelegenheit, meine Kritik gleich mit Lob zu verbinden, damit sie nicht als Nörgelei abgetan werden kann. – Wenn man mit Hannah Arendt der Überzeugung ist, dass „Politik Sprache ist“, dann ist Frau Heil ein Hoffnungsschimmer …

  3. Ockenga schrieb:

    Deckel drauf, Deckel runter?

    Frau Heil ist mir zu gutgläubig. Sie vertraut auf den Markt und darauf, dass eine Krähe doch der anderen was auspickt. Mitnichten. Alle Banken sitzen im gleichen Zins-Boot. Die Zinsen sind zu niedrig als dass sie davon, wie früher üppig und verlässlich gut leben können. Nicht umsonst sind ja schließlich auch die Vorstandsvergütungen selbst kleiner Banken utopisch.

    Die Banken bekommen zwar billiges Geld, das nutzt ihnen aber nicht viel, da die Hypothekenzinsen inzwischen das Niveau von etwas größer als 2 erreicht haben, und eine Änderung ist z. Zt. nicht zu erwarten. Es ist einfach international zuviel vagabundierendes Geld im Umlauf, das händeringend nach Anlagemöglichkeiten sucht. Hinzu kommen noch die Internetwettbewerber und sonstige neue Bankmodelle, die kein teueres Filialnetz unterhalten müssen. Besonders darbend sind deshalb auch die Lebensversicherungen, die ihre alten hochmütigen Versprechungen (die beste Alternative zur staatlichen Sozialversicherung!) schon längst nicht mehr einhalten können.

    Und was macht man in der Not? Man muss zusammenhalten. Da der Markt nichts hergibt, hält man sich an denen schadlos, die unflexibel sind und nicht entweichen können. Das sind kleine oder größere Firmen, deren Ruf offensichtlich leidet und die deshalb enorme Risikoaufschläge bezahlen müssen. Ja, und da sind dann ja auch noch die treuen kleinen Sparer als örtliche gebundene Klientel. Die entweichen so schnell nicht. Die werden dann über happige Kontogebühren und neuerdings auch mit Kosten für Kontoausdrucke zur Kasse gebeten. Da setzt dann auch das Erfindungsgeschick ein und erzeugt immer neue Kostenfallen.

    Vor allen Dingen wenn mal wieder die EU neue Richtlinien verfasst, hat man eine Zwangsargument, den Kunden auch gleiche eigene neue Allgemeine Geschäftsbedingungen zu präsentieren, in denen man dann wohlverpackt über die neuen Kosten informiert. Onlinebanking spart den Banken enorme Ausgaben für Personal und Risiko. Das war zuerst auch kostenlos und inzwischen wird dafür kassiert. Und dann sind ja da noch die Hoffnungs- und Ahnungslosen, die mal wieder über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt entweder ins Pfandhaus oder als Bittsteller zu ihrer Bank müssen. Bei denen wird dann gnadenlos zugelangt. Fazit: Der Markt findet so, wie Frau Heil es noch glaubt, schon längst nicht mehr statt. Ob man ihn deshalb regulieren muss, das ist eine andere Frage. Dabei bleibt die eigene utopische Vergütung in der Spitze natürlich unangetastet.

  4. Udo Schmidt schrieb:

    Es sind ca.7oo Billionen US-Dollar gedruckt worden, während die jährliche weltweite Wertschöpfung ca.50 bis 60 Billionen beträgt, d.h. die Banken können Monopolie spielen und sie verleihen liebend gern Geld und „verdienen“daran sagenhaft – im Risiko-Falle gilt: to big-to fail, d.h. der Steuerzahler haftet. Erste zaghafte Versuche zur Bankenregulierung wurden eingeleitet, aber bisher ohne nachhaltigen Erfolg, die EZB pumpt weiterhin Geld in den Finanzmarkt zu minimalen Zinsen, die Banken nehmen gern dieses billige Geld und geben Kredite zu hohen Zinsen an ihre Kunden, die so in unverschämter Weise „abgezockt“ werden! Und wer hat uns das eingebrockt? Die eiserne Lady Thatcher! Deshalb: Trennbanken-System analog zum Glass-Streagel-act USA 1932 1)-alles andere ist nur Konkursverschleppung. Mit dem EURO, seiner alternativlosen Rettung und den unzähligen Rettungsschirmen und dem CLUB-Med werden wir nicht dieses Problem lösen!
    1)Bill Clinten wollte Thatcher nacheifern- das Desaster am US-Finanzmarkt ist heute zu sehen

Diskussionsbeitrag schreiben