Geschichte, Innenpolitik

DDR-Kommunalwahl am 7. Mai 1989 war Auslöser der friedlichen Revolution

Als im Frühjahr 1989 bekannt wurde, dass die SED für die Fälschungen bei der Kommunalwahl verantwortlich war, gingen immer mehr Menschen auf die Straße , bis es im November 1989 nahezu eine Million Bürger waren, die  u.a. auf dem Berliner Alexanderplatz  demonstrierten. (Foto: Reinhard Kaufhold/ dpa)
Als im Frühjahr 1989 bekannt wurde, dass die SED für die Fälschungen bei der Kommunalwahl verantwortlich war, gingen immer mehr Menschen auf die Straße , bis es im November 1989 nahezu eine Million Bürger waren, die u.a. auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrierten. (Foto: Reinhard Kaufhold/ dpa)

Wenn ich heute durch das Brandenburger Tor gehe, empfinde ich immer noch ein ganz besonderes Gefühl von Freiheit. Es ist eine atemberaubende Leichtigkeit und gleichzeitig Ehrfurcht vor der Geschichte. Es ist die Erinnerung daran, vor einer Mauer in einer geteilten Stadt zu stehen und das unbeschreibliche Gefühl, deren Fall miterlebt zu haben. Ich fühle mich nicht einer Kategorie wie west- oder ostdeutsch zugeordnet. Ich bin glücklich in einem geeinten Deutschland zu leben.

Für mich ist der Fall der Mauer ein großes Geschenk und ich empfinde tiefe Dankbarkeit dafür, die friedliche Revolution im Herbst 1989 selbst miterlebt zu haben. Die Erinnerung an die stille, friedliche Kraft und Verbundenheit mit den Demonstranten, an die Hoffnung und den Mut, der mich bei den Friedensgebeten in Görlitz erfüllte, ist immer noch präsent. Und das unfassbare Glück, die Sprachlosigkeit und gewisse Ohnmacht im Umgang mit der neu gewonnenen Freiheit sind feste Bilder in meinem Kopf.

Der heutige Tag vor 25 Jahren ist ein Schlüsselereignis für die friedliche Revolution 1989. Couragierte Bürger kontrollierten in über 700 Wahllokalen der DDR die Auszählung der Ergebnisse der DDR-Kommunalwahlen. Sie deckten dabei erstmals offiziell die Fälschung des Wahlergebnisses auf und lösten eine Protestwelle aus, die ihre Wellen mit Demonstrationen und Friedensgebeten bis hin zum Fall der Mauer schlug.

Wir reden immer von der „friedlichen“ Revolution. Das stimmt, wenn wir den Gesamtkontext betrachten. Es verdeutlicht aber nicht, welcher Gefahren sich alle Oppositionellen auch in dieser Zeit aussetzten. Auch im Oktober 1989 noch wurden auf der Massendemonstration am Berliner Alexanderplatz Demonstranten von Stasi-Mitarbeitern auf Befehl Erich Mielkes zusammengeschlagen und wahllos verhaftet. Es gab zu dieser Zeit keine Sicherheit. Es gab keine Aussicht auf tatsächliche Veränderung. Es gab nur den Willen und den Mut der Menschen auf der Straße, die ihre Zukunft und die ihrer Kinder für ein Leben in Demokratie und Freiheit riskierten.

Es ist unmöglich, die Gefühle, Ängste und Hoffnungen zu vermitteln, die die Menschen auf der Straße bewegten. Aber ich sehe es als unsere Aufgabe, der jungen Generation, die keine Erfahrungen mit Krieg und Diktatur machen mussten, nicht nur die Geschichte der friedlichen Revolution mit dem Fall der Mauer und des eisernen Vorhangs nahe zu bringen. Mir ist wichtig, dass die Werte, die zu dieser glücklichsten historischen Stunde in der deutschen Geschichte geführt haben und die essentiell für den Erhalt von Frieden, Freiheit und Demokratie sind, vermittelt, weiter getragen und gelebt werden.

Der beste Weg hierfür besteht im eigenen Engagement von Jugendlichen in Organisationen, Parteien, Kirchen und Verbänden, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Auch Zeitzeugen, die jungen Menschen in Schulen von ihren persönlichen, oft schmerzlichen Erfahrungen und Schicksalsschlägen erzählen, sind richtungsweisende Botschafter. Und Ihre Arbeit ist wichtiger denn je. Viele Jugendliche können nicht zwischen Diktatur und Demokratie unterscheiden. Jeder Dritte Jugendliche glaubt, die DDR-Regierung sei durch demokratische Wahlen legitimiert gewesen, obwohl es in der DDR 40 Jahre lang nur Scheinwahlen gab, Menschenrechte massiv verletzt wurden, man der Willkür der SED und Stasi ausgeliefert war, man verfolgt und verhaftet wurde, wenn man sich nicht anpasste und Millionen Biografien fremdbestimmt waren.

Über 1000 Menschen verloren an der Grenze ihr Leben, mehr als 250.000 Menschen wurden aus politischen Gründen verhaftet. Nicht nur ihnen sind wir es schuldig, dass das Geschichtsbild nicht geglättet und der Diktaturcharakter der DDR mit seinen Folgen verharmlost wird. Alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte sind aufgefordert, Angriffe auf unsere freiheitliche demokratische Grundordnung abzuwehren.

Unsere Geschichte, die deutsche wie die europäische, lehrt uns: nie wieder dürfen sich totalitäre Ideologien verbreiten und extremistische Parteien eine Gesellschaft diktieren.

5 Kommentare zu »DDR-Kommunalwahl am 7. Mai 1989 war Auslöser der friedlichen Revolution«

  1. Dr. med. Thomas G. Schätzler schrieb:

    Sehr geehrter CDU-MdB Michael Kretschmer,

    auch ich (Jahrgang 1950) bin mit dem besonderen Gefühl von Freiheit und mit Tränen in den Augen erstmalig nach der Wende durch das Brandenburger Tor gegangen. Damals hatte ich den Bundesverband der ARBEITERWOHLFAHRT bei einer Anhörung des Deutschen Bundestages, im „Roten Rathaus“ in Ost-Berlin stattfindend, vertreten. Als geborener Berliner (B-Tempelhof), Schöneberger Sängerknabe von 1958-1962 und Schüler des Goethe-Gymnasiums Berlin-Wilmersdorf war und bin ich bis heute mit der Geschichte dieser Stadt und mit dem Kalten Krieg sehr vertraut. Unsere Familie zog im Februar 1962 von Berlin nach Bonn, weil mein Vater (zuletzt Ltd. Ministerialrat im BMJ) noch vor dem Mauerbau am 13. 8. 1961 als Jurist ins Bundesministerium der Justiz gewechselt hatte, da er schon längere Zeit etwas Vergleichbares vorausgeahnt hatte.

    Gerade diese Vorausahnung, dieses Gespür für den Zerfall einer pervertierten DDR-Diktatur mit Überwachungsstaat, den intensiven Wunsch der Menschen nach Freiheit, Freizügigkeit und Freien Wahlen und die Entschlossenheit der Bürgerinnen und Bürger, diesen Unrechtsstaat mit friedlichen Mitteln bekämpfen zu wollen, f e h l t e n der zur Wendezeit amtierenden Bundesregierung, den damaligen Geheim- und Informationsdiensten vollkommen. Selbst Dr. Helmut Kohl, der damalige Bundeskanzler, und die g e s a m t e CDU/CSU-Führungselite hatten doch bei den „Montagsdemonstrationen“ überhaupt keinen blassen Schimmer, was da wirklich vor sich ging.

    Mut und Entschlossenheit, das durch „Perestroika“ und „Glasnost“ von Michail Gorbatschow in der damaligen UDSSR entstandene Machtvakuum mit unbändigem Freiheitsdrang auszunutzen, ging einzig und allein von der Bevölkerung der DDR aus. Der Bundeskanzler wurde während eines überhastet und ungeschickt vorbereiteten Staatsbesuchs in Polen vom Fall der Mauer während eines Festbanketts in Warschau völlig überrascht und bloßgestellt. Er hatte die Wende mit dem Fall der Mauer vollkommen unterschätzt und die dramatischen Entwicklungen verschlafen. Deshalb auch Pfiffe und Buh-Rufe am Berliner Rathaus Schöneberg. Dies konterkariert er jedoch später mit um so heftigerem Aktionismus und inhaltsleeren Versprechungen („Blühende Landschaften“).

    Zustimmen kann ich Ihnen, Herr Kretschmer, wenn Sie schreiben: „Wir reden immer von der „friedlichen“ Revolution. Das stimmt, wenn wir den Gesamtkontext betrachten. Es verdeutlicht aber nicht, welcher Gefahren sich alle Oppositionellen auch in dieser Zeit aussetzten…“. Dass es eine so friedliche „Revolution“ und eine erfolgreiche Wiedervereinigung gab, lag an der gebündelten Entschlusskraft der DDR-Demonstranten, an der „vernünftigen“ Haltung einiger weniger politischen Entscheidungsträger. Die größte Gefahr ging von der Nationalen Volksarmee (NVA), der STASI und den sowjetischen Besatzungstruppen aus, die allerdings auf Befehl von oberster Stelle k e i n e n offenen Bürgerkrieg anzetteln durften.

    Wer aber neben der völligen Unbedarftheit der damaligen Bundesregierung nicht fehlen darf, ist ein wesentlicher Scharfmacher im Beraterkreis des russischen Präsidenten Michail Gorbatschow: Valentin Falin, von 1971 bis 1978 Botschafter der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland; mit der neuen Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow war er ebenfalls vertraut. Doch im Zusammenhang mit dem zunehmenden Widerstand und dem zivilen Ungehorsam der DDR-Bürger/-innen wollte er im Gegensatz zur Kreml-Führung eine ganz harte, unterdrückende Linie fahren, um das DDR-Volk notfalls mit Waffengewalt wieder zur Raison zu zwingen (J.-G. Schätzler, persönliche Mitteilung). Nicht auszudenken, wenn sich diese harte Linie damals gegen die DDR-Bevölkerung gerichtet hätte?

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. med. Thomas G. Schätzler
    Dortmund

  2. Dr. med. Thomas G. Schätzler schrieb:

    Nachgefragt zu: „Ihr Kommentar befindet sich in der Moderationsschleife.“
    Da sende ich einen Diskussionsbeitrag am 10.5.2014, der heute, am 23.5.2014 immer noch in der Moderationsschleife hängt?
    Ehrlich gesagt, finde ich das diskriminierend und unangemessen. (…)

  3. Leo Aul schrieb:

    Was alles wiederum nur beweist, das die gesellschaftliche Zukunft, und in deren Folge die politische Entwicklung, nicht planbar ist. Politik ist und bleibt, entgegen allen einfältigen Wünschen nach Transparenz und der Macht für eine starke, gerechte, zukunftsfeste, allwissende und dennoch demokratische Parteiführung, ein Maßnahmenkatalog der kleinen Schritte nach der Devise, von try and error. Und die Koalition bewahrt uns vor den gröbsten Folgen von ideologischen Hassardeuren.

    Und darin ist Frau Dr. Merkel eine wahre Meisterin. Jedes andere Verständnis von Politik ist ein idealistischen Vabanquespiel mit dem Risiko von zerstörerischen Unumkehrbarkeiten.

    In der jüngeren Geschichte der Innenpolitik gibt dafür in der Energiepoltik ein eklatantes negatives Beispiel mit dem Risiko eines unumkehrbaren Teilkaskoschadens. Dies nur als Beispiel, ohne hiermit ein neues Thema einzubringen.

  4. Gillet Marie-Angèle schrieb:

    Sehr geehrter Herr.Kretschmer !

    Wir sind eine Klasse in Chagny im Burgund (nicht weit von Dijon), wir studieren deutsch seit vier Jahren. Wir haben ihnen Artikel im Deutschunterricht gelesen und bearbeitet.
    Ihren Beitrag haben wir sehr stechend und interessant gefunden weil sie unser alten hatten als die Mauer fiel. Ihr Bericht erklärt uns besonders gut wie die Menschen im Osten die Ereignisse erlebt haben.
    Mit freundlichen Grüssen
    Clémence, Romane, Léo, Rémi, Virgile, die Lehrerin Frau Gillet

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