Europa, Politik

Die Kultur hält Europa zusammen

Kultur ist die eigentlich tragende Tradition Europas, meint Rüdiger Kruse (Foto: Musée d’Orsay, Paris)

Das Ergebnis der Europawahl vom Wochenende zeigt, dass die Mehrheit der Menschen  nicht europamüde ist. Das reichhaltige Angebot an allzu einfachen Antworten populistischer Parteien auf die komplexen Fragestellungen in Europa wirft dennoch bei vielen Bürgern die Frage nach dem verbindenden Element in Europa, nach einer europäischen Identität auf. Diese gilt es zu beantworten. 

Den Kontinent verbindet mehr als Wirtschaft und Furcht vor dem Krieg

Der Erste Weltkrieg, nicht erst der Zweite, ist die wahre Geburtsstunde der Europäischen Union, die sich als „Nie wieder Krieg“-Union verstand. Denn es war der Erste Weltkrieg, der Europa aus den Fugen brachte. Er zerstörte die alte Ordnung und beendete eine Epoche. Folglich sollte man neu über den Ersten Weltkrieg nachdenken. Nur so überschreiten wir die engen Grenzen, die ein Gedenkjahr setzt. Was könnten wir dabei lernen? Zum Beispiel ein Empfinden dafür, dass wirtschaftliche und finanzielle Verflechtungen allein nicht kriegsverhindernd sind. Deutschland und Großbritannien waren 1914 füreinander die zweitgrößten Handelspartner. Und doch brach 1914 der Krieg aus, trotz aller hoher „Interdependenz“, wie es heute heißt. Daraus darf man ableiten, dass die EU mehr braucht als die wirtschaftlich immer enger werdende Verknüpfung. Wer Europa nur mit Zahlen und Zeichen erklärt, der darf sich nicht wundern, wenn keine Begeisterung aufkommt Click Here. Auch der Friedenswunsch reicht nicht aus, wenn der lange Frieden in Europa schon „eingepreist“ ist, der Schrecken immer weiter in die Vergangenheit zurückweicht.

Kultur als identitätsstiftendes Element in Europa. Eine neues Narrativ?

Wir brauchen ein neues europäisches Narrativ. So nah auch schwerste Konflikte an uns herankommen – Syrien, Ägypten, selbst die Balkankrise oder jetzt die Ukraine vermögen nicht den als unumkehrbar empfundenen Frieden in Europa infrage zu stellen. Was aber wäre dauerhaft tragend für Europa? Das europäische Narrativ ist die Kultur. Mit der Kultur als Kernelement der europäischen Selbstdefinition entsteht eine Legitimationskette, die viel weiter zurückreicht als bis zur Montanunion oder deren Wurzeln, dem Generation für Generation ausgelebten deutsch-französischen Konflikt. Setzt man die Kultur ins Zentrum, wäre es vorbei mit dem Vorwurf der Künstlichkeit, die der EU anhaftet. Dass wir Kultur-Europäer sind, ist leicht zu begreifen. Es erfordert lediglich eine andere Wahrnehmung und eine Wertstellung von Kultur: Nicht Kunst am Bau der Gesellschaft, sondern als dessen Fundament. Jedem Bürger muss Zugang zur Kultur ermöglicht werden. Jeder erhielte Zugang zu einer so starken, über Jahrtausende finanzierten Rückversicherung. Sie besagt, dass die eigene Identität sicher und fest in einer globalen, als quecksilbrig empfundenen Welt steht: Ich bin ich, und ich bin Europäer.

In Europa verschmelzen keine Nationen, Europa umfasst sie

Europa ist eben keine Kopfgeburt von Technokraten, auch kein Homunculus der Friedensfreunde, so gut gemeint beide Schöpfungen auch sind. Europa ist entstanden wie ein Brotteig, dem immer mehr Zutaten hinzugefügt wurden seit den Zeiten der Athener Republik. Er wurde zerrissen und wieder zusammengefügt – wie durch einen Bäcker, der nicht wusste, ob er ein ganz großes Brot oder viele kleine Brötchen backen wollte. Und da der Teig auf dem großen Backtisch, der die geografische Karte ist, von einem Ende zum anderen gewalkt wurde, sind die verschiedenen Kulturen zwar nicht homogenisiert, aber ständig miteinander verwoben worden. Darum gibt es eine so vielfältige Kultur, die wir alle als unterschiedlich, aber nicht fremd empfinden. Anders als Amerika ist Europa kein Schmelztiegel, aus unterschiedlichen Kulturen wurde nicht eine. Das ständige Umherrühren hat eine Emulsion geschaffen, die Verschiedenes verbindet, ohne es in einem Neuen aufzulösen. Emulsionen aber sind nur dauerhaft, wenn sie in Bewegung bleiben. Darum ist die Bewegung Europas Schicksal. Ein wunderbares Schicksal, denn die Bewegung bietet Teilhabe, von Generation zu Generation. Freilich ist Beweglichkeit nicht das Allererste, das wir mit Europa assoziieren. Zu Unrecht. Kein Raum ist in den letzten 2000 Jahren so sehr aus sich selbst heraus in Bewegung gewesen wie der europäische. So ist das europäische Narrativ das ständige Bemühen um die Schaffung eines Ganzen, das nicht ein amorphes Kollektiv, sondern ein vielgliedriger Korpus ist. Europa ist nicht Amerika, ist keine den Kontinent umfassende Nation. In Europa verschmelzen keine Nationen, Europa umfasst sie. Es ist ein Diadem, eine große Fassung für viele facettenreiche Steine. Die kleinste Facette ist der Einzelne.

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2 Kommentare zu »Die Kultur hält Europa zusammen«

  1. Ockenga schrieb:

    Die Kultur hält Europa zusammen???

    Welche Kultur ist denn überhaupt gemeint?

    Bei solch einem Anspruch ist doch erstmal festzustellen, welche kulturellen Werte in allen Ländern des Anspruchsgebietes tatsächlich unbestritten gleich sind und auch gleich verstanden werden. Diese Vorbedingung fehlt und sie ist auch nahezu unmöglich zu erfüllen. Das Gegenteil des Wunschdenkens ist doch eher der Fall!

    Wenn schon die Werte südlich von Florenz auf Basis der dortigen Kultur für die Norditaliener ein Rätsel sind und unsere Werte sich noch einmal entscheidend von denen in Norditalien unterscheiden, dann wird das Rätsel über den Anspruch noch größer. Haltlose Versprechungen als Überredungsmittel in Wahlen waren in Griechenland politische Werte zum Machterhalt. Anerkannt sowohl von den Eliten (des Wahlbetruges!) als auch von denen, die sich zu gerne belügen liessen. Die Werte der Engländer bestehen, zumindest zum Teil, aus den glorreichen Erinnerungen an das Commonwelath. Da können wir nicht mitreden und mitdenken. So hat jedes Land seine eigenen Werte und kulturellen Voraussetzungen, die auch nicht von der Brüsseler Autokratie zum Zwecke des Zusammenhaltes nivelliert werden können.

    Was Europa zusammenhält ist lediglich die erzwungene Einsicht, dass jedes einzelne europäische Land auf Dauer gegen die anderen Machtblöcke zu schwach sein könnte. Für Euopa ist die drohende Machtlosigkeit der Motor. Angetrieben wird er durch die Gefahr, dass die materiellen Werte künftig in eine lebensbedrohliche Gefahr geraten könnten. Die kulturellen nationalen Werte sind da nur ein schmückendes Beiwerk, das einen Hauch von Bedeutung erzeugen soll. Auch in den Kirchen sollen die Putten nur für eine heimelige Stimmung sorgen, mitreden dürfen sie nicht.

  2. Prudlo Heinz schrieb:

    In Sachen „amorphes Kollektiv“ wäre vielleicht folgendes zu bedenken: Der Umschlag von einem leeren Individualismus in amorphes Kollektiv geht vielleicht schneller vonstatten als
    man hier bei uns denkt: Fußballer ziehen in die letzte Schlacht hinein „wie in einen Gottesdienst“ ……….Ich sammle z.Zt.“ Andachtsbilder“ von durchgeknallten Fans……apropos „durchgeknallt“ : Jetzt wollen Schwule Kinder in ihre „Ehe“ aufnehmen, und eine Moderatorin im Ersten beklagt am Sonntag- Nachmittag die „unmoderne“ Aufgeschlossenheit der CDU gegenüber diesem Gejohle auf der Straße. Sollte man die CDU wegen solchen unreflektierten Etikettierungen
    vor sich hertreiben können?

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