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Todesurteil gegen Christin im Sudan ist nur Spitze des Eisberges

Auf den ersten Blick ein normales Hochzeitspaar. Doch dass die Braut als Tochter eines Moslems einen Christen heiratete und sich selbst als Christin sieht, reichte den Richtern, um die Todesstrafe zu verhängen. (Foto: Gabriel Wani/ Facebook)
Auf den ersten Blick ein normales Hochzeitspaar. Doch dass die Braut als Tochter eines Moslems einen Christen heiratete und sich selbst als Christin sieht, reichte den Richtern, um die Todesstrafe zu verhängen. (Foto: Gabriel Wani/ Facebook)

Weltweit werden Millionen Christen verfolgt. Nicht immer steckt staatliche Gewalt dahinter, häufig werden die Übergriffe aber geduldet.

Das Schicksal der 27-jährigen Christin Mariam Yehya Ibrahim Ishag bewegt. Wie könnte es auch anders sein – schließlich wurde da eine junge Frau zum Tode verurteilt, die ihr Leben nicht anders lebte, als viele andere auch: Sie heiratete, bekam einen Sohn, wurde ein weiteres Mal schwanger. Dass das zweite Kind, eine Tochter, nun vor einigen Tagen im Gefängnis zur Welt kam, ist für viele Menschen schon grausam genug. Dass die Mutter nach einer Frist von zwei Jahren erhängt werden soll, wollen hunderttausende Menschen in aller Welt nicht hinnehmen. Auch der Stephanuskreis der Unionsfraktion im Bundestag hat sich bei der sudanesischen Regierung für die junge Frau eingesetzt. Denn Mariam Yehya Ibrahim Ishag hat nichts Unrechtes getan!

Die Richter im sudanesischen Karthum sahen das anders. Sie verurteilten Mariam Yehya Ibrahim Ishag im Mai wegen „Gotteslästerung“ und „Glaubensabtrünnigkeit“ (Apostasie) zum Tode. Die 27-Jährige selbst sagt, sie sei nicht vom Islam abgefallen, sondern von ihrer christlichen Mutter in deren Glauben erzogen worden. Was aus der Ferne wie Haarspalterei klingen mag, ist nach sudanesischem Recht entscheidend. Denn: Auf Apostasie steht – so ungerecht das auch ist –  laut sudanesischem Gesetz die Todesstrafe. Mariam Yehya Ibrahim Ishag und ihr Ehemann haben Berufung eingelegt und können offenbar nur darauf hoffen, dass eine höhere Instanz Milde walten lässt. Das sudanesische Außenministerium ließ die vage Hoffnung auf eine Freilassung der jungen Mutter jedenfalls platzen. Es teilte mit, die Regierung werde sich nicht in Angelegenheiten der unabhängigen Justiz einmischen.

Religiöse Verfolgung im Sudan an der Tagesordnung

Dass sich der Sudan die Religionsfreiheit als Grundrecht 2005 in seine Übergangsverfassung geschrieben hat, scheint keine Rolle zu spielen. Das US-Außenministerium listet das Land schon seit 1999 als  „country of particular concern” in Sachen Religionsfreiheit, die staatliche US-Religionsbehörde USCIRF spricht von „systematischen, anhaltendenden und ungeheuerlichen Verletzungen der Religions- und Glaubensfreiheit“ im Sudan . Im aktuellen „Weltverfolgungsindex“  der Nichtregierungsorganisation „Open Doors“ landet der Sudan auf Platz 11 von 50 Ländern, in denen Christen wegen ihres Glaubens am Stärksten verfolgt werden.

Und doch kennt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International keinen Fall, in dem ein sudanesisches Gericht wegen Apostasie die Todesstrafe verhängt hätte. Ist der Prozess gegen Mariam Yehya Ibrahim Ishag also ein – wenn auch besonders schreckliches – Einzelschicksal? Nein, meinen fünf NGOs, die gerade eben Beschwerde gegen den Sudan bei der African Commission on Human und Peoples´ Rights (ACHPR) eingelegt haben. Sie argumentieren: „Der Fall ist nur die Spitze des Eisberges.“

Gesetze gegen Apostasie in jedem zehnten Land der Welt

Dieser Eindruck bestärkt sich, wenn man die Situation der freien Glaubensausübung in anderen Ländern in den Blick nimmt. Laut einer Studie des renommierten Pew Research Center sieht jeder zehnte Staat der Erde Apostasie als Straftat an. Doch Gläubige werden nicht immer direkt vom Staat unterdrückt und diskriminiert, viel häufiger beleidigen, verletzen, benachteiligen Einzeltäter. Nicht selten geschieht dies allerdings unter Duldung der staatlichen Autoritäten.

Generell scheint es um die Religionsfreiheit in den vergangenen Jahren eher schlecht bestellt zu sein. Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Angriffe auf die Religionsfreiheit weltweit immer mehr zunehmen. Das zeigt: Das Menschenrecht der Religionsfreiheit ist keineswegs gesichert.

Von den Verfolgungen betroffen sind vor allem Christen – auch wenn es viele andere religiöse Minderheiten gibt, die ihren Glauben nicht offen leben können, zum Beispiel Buddhisten in Tibet, Aleviten in der Türkei oder Bahai im Iran. Doch die Gewalt gegen Christen ist am brutalsten und die Zahl der Verfolgten am höchsten. Das Hilfswerk Open Doors schätzt, dass weltweit rund 100 Millionen Christen weltweit verfolgt oder diskriminiert werden. 

Einsatz für Religionsfreiheit weltweit nötig!

Der Einsatz gegen eine Bestrafung der Sudanesin Mariam Yehya Ibrahim Ishag ist vor diesem Hintergrund wichtig und richtig, aber nicht genug! Wir dürfen das Schicksal Einzelner und aller religiös Verfolgten nicht vergessen, müssen es konsequent in Erinnerung halten und den Betroffenen eine Stimme verleihen. Jede Verbesserung bei der freien Glaubensausübung von Christen dient auch der Religionsfreiheit anderer religiöser Minderheiten.

Neue Erkenntnisse der „Religious Freedom and Business Foundation“ legen sogar einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation eines Landes und den religiösen Freiheiten nahe. Der Einsatz für Religionsfreiheit weltweit kann also ein echter Beitrag zur Entwicklung eines Landes sein!

Wenn Sie aktiv die Familie der jungen Frau unterstützen oder sich für die Freilassung Mariams stark machen möchten, können Sie das auf Facebook oder mit Hilfe der Kampagne von Amnesty International

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