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Mehrgenerationenhäuser sind unverzichtbare Bausteine sozialer Infrastruktur

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Die Idee von Mehrgenerationenhäusern entstand als Folge des gesellschaftlichen Wandels auch des Familienlebens in Deutschland. (Foto: picture alliance/ dpa)

In den letzten Jahrzehnten hat sich in Folge des gesellschaftlichen Wandels auch das Familienleben in Deutschland verändert. Die traditionelle Großfamilie mit vielen Geschwistern, Cousins, Cousinen, Onkeln und Tanten gibt es beinahe nicht mehr. Und heute ist es auch nicht mehr selbstverständlich, dass Großeltern, Eltern und Kinder in unmittelbarer Nähe leben, sich miteinander austauschen und sich gegenseitig helfen und unterstützen können. Das hat natürlich Konsequenzen – nicht nur für das Miteinander der Generationen, sondern auch für unseren Sozialstaat. Viele Aufgaben, die früher selbstverständlich innerhalb der Familie erledigt wurden, wie zum Beispiel die Betreuung kleiner Kinder oder die Unterstützung hilfebedürftiger Angehöriger, müssen heute von Diensten und Einrichtungen übernommen werden – und die Menschen müssen erst einmal wissen, wo sie diese Dienste finden können.

In den Kommunen sind die Konsequenzen dieser Entwicklung besonders zu spüren. Hier werden Angebote zur Betreuung, Begegnung und zum persönlichen Engagement nachgefragt und Lösungen und Angebote konkret und unmittelbar erwartet. Die Kommunen können diese Anforderungen alleine nicht bewältigen. Sie sind auf die enge Zusammenarbeit mit vor Ort ansässigen Verbänden, Organisationen und der lokalen Wirtschaft angewiesen. Wir können die Großfamilie als natürliche Solidargemeinschaft nicht zurückholen, aber wir können uns die gegenseitige Unterstützung in der Familie zum Vorbild nehmen und versuchen, sie durch ein nachbarschaftliches Netzwerk familiennaher Dienstleistungen zu ersetzen. Und das ist die Idee der Mehrgenerationenhäuser, die 2006 unter Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ins Leben gerufen wurden. Manche Mehrgenerationenhäuser sind neu entstanden. Die meisten aber sind aus bestehenden Einrichtungen wie Familienbildungsstätten, Mütterzenten oder Seniorentreffs hervorgegangen. Diese Einrichtungen haben ihre Angebote für Menschen aller Generationen geöffnet. Heute ist in nahezu jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt mindestens ein Mehrgenerationenhaus etabliert. In Deutschland gibt es derzeit etwa 450 dieser Häuser.

Die Mehrgenerationenhäuser leben vom Engagement und von der Zusammenarbeit der Akteure in den Kommunen. Sie sind Anlaufstellen und Treffpunkte für alle Generationen, vernetzen lokale Akteure und bieten generationenübergreifende Dienstleistungen an. In den Häusern übernehmen nicht nur hauptamtlich Tätige Aufgaben, sondern auch Ehrenamtliche. Hier werden private und freiwillige Initiativen mit öffentlichen Leistungen verbunden, Angebote von Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und privaten Anbietern vernetzt. Junge Familien finden Angebote zur Kinderbetreuung, aber auch Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern. Älteren Menschen wird es ermöglicht, aktiv am Leben teilzunehmen, zum Beispiel als „Leihgroßeltern“, aber sie können auch Hilfe und Unterstützung finden. So kooperieren viele Häuser eng mit Pflegeberatungsstellen und Pflegestützpunkten. Auch haushaltsnahe Dienstleistungen, wie z.B. Hol- und Bringdienste oder Einkaufshilfen, werden angeboten. Eine weitere wichtige Aufgabe der Mehrgenerationenhäuser ist auch die Entwicklung von Angeboten zum freiwilligen Engagement. Sie sind nicht nur anerkannte Einsatzstellen für den Bundesfreiwilligendienst, sondern sie beziehen auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in ihre Arbeit ein. Diese Vielfalt der Angebote zeigt: Heute hat die überwiegende Zahl der Mehrgenerationenhäuser einen festen Platz in ihrer Kommune gefunden. Sie sind vielerorts unverzichtbar.

Der Bund unterstützt die Mehrgenerationenhäuser finanziell. Seit dem 1. Januar 2012 mit dem Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser II.  Jedes Haus erhält einen jährlichen Zuschuss von 40.000 Euro. Davon fließen aus Bundesmitteln und Geldern des Europäischen Sozialfonds 30.000 Euro. Weitere 10.000 Euro übernehmen das Land oder die Kommune. Da das Programm Ende 2014 endet, die Union aber an der Unterstützung ihres Erfolgsmodells festhalten will, hat sie im Koalitionsvertrag mit der SPD festgeschrieben, dass die Häuser weiter unterstützt werden. Mit dem Entwurf des Bundeshaushalts 2015 ist der erste Schritt zur nachhaltigen Sicherung der Mehrgenerationenhäuser gemacht worden: Für das Jahr 2015 werden im Haushalt des Bundesfamilienministeriums 16,5 Mio. Euro zur Weiterfinanzierung der 450 Häuser eingestellt. Damit die Finanzierung über das Jahr 2015 sichergestellt werden kann, wird der Bund zusammen mit Ländern und Kommunen Gespräche über die Verstetigung der Finanzierung führen. Ich bin zuversichtlich, dass wir es gemeinsam schaffen werden, die erfolgreichen Häuser auf Dauer zu etablieren.

Ein Kommentar zu »Mehrgenerationenhäuser sind unverzichtbare Bausteine sozialer Infrastruktur«

  1. Leo Aul schrieb:

    450 Häuser. Der hohe Anspruch allein genügt nicht.

    Wie lauten die Erfahrungen?
    Was hat sich bewährt, was nicht?
    Wie lauten die Hausregeln?
    Was geschieht, wenn sich Bewohner nicht daran halten?
    Wie hoch ist die Fluktuation?
    Wie hoch ist der Anteil der Sozialhilfeempfänger?
    Haben die Träger Zwangseinweisungnen vorgenommen?
    Wie hoch ist der Renovierungsbedarf?

    Das sind alles Schwierigekiten, die mir aus Einzelfällen bekannt sind.
    Verallgemeinern wäre schlecht.

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