Außenpolitik, Entwicklungspolitik, Innenpolitik, Internationales, Politik

Islamisten in Deutschland auf dem Vormarsch

 

In Deutschland droht die Entstehung einer Szene „neo-salafistischer“ Islamisten

„Salafismus ist nicht gleich Salafismus“, diese scheinbar simple Aussage bringt die tatsächliche Komplexität des Phänomens salafistischer Strömungen in Deutschland auf den Punkt. Seit Monaten dominieren die Schreckenstaten der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien und Irak, die öffentlich zur Schau gestellten Enthauptungen von IS-Gefangenen und die Frage nach dem Umgang mit nach Deutschland zurückkehrenden Dschihadisten die politische und mediale Diskussion. In den vergangenen Tagen wurde kontrovers über die Talkshowauftritte von Abdul Adhim Kamouss bei Günther Jauch und von Sheikh Hassan Dabbagh, Imam der Leipziger Al-Rahman Moschee, in der Sendung von Frank Plasberg diskutiert. Die Medien stellen sie als gefährliche Demagogen dar und vereinfachen und vertauschen Begrifflichkeiten. Wie genau lässt sich Salafismus charakterisieren? Welche konkreten salafistischen Ausprägungen gibt es und ist Salafismus qua definitionem gewaltsam und gefährlich?

Was ist Salafismus?

Der Salafismus ist die am dynamischsten wachsende Form des Islamismus. Er ist eine heterogene Bewegung mit zahlreichen Strömungen, die alle eine weitestgehend homogene Ideologie eint.

Der Begriff „salaf“ kommt in Anlehnung an „as-salaf as-salihun“, die „frommen Altvorderen“, in den islamischen Quellen Koran und Sunna mehrfach vor und bezieht sich auf die Gefährten des islamischen Propheten Muhammad und deren Nachfahren bis in die dritte Generation nach Muhammad. Anhänger salafistischer Bewegungen romantisieren die Entstehungszeit des Islam und folgen einer wortgetreuen Auslegung des Koran. Salafisten instrumentalisieren den Islam für ihre Interessen und legen ihn besonders radikal aus. Sie bezeichnen sich als „salafiyya“ und sprechen sich mehrheitlich gegen Säkularismus, Pluralität, Individualität und die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus. Demokratie und Volkssouveränität werden abgelehnt und nur eine Theokratie, ein „Gottesstaat“, auf der Grundlage des vermeintlich einheitlichen Rechtskorpus der Scharia wird angestrebt. Ziel radikaler salafistischer Bewegungen ist es, alle Menschen zurück auf den islamischen Weg des 7. Jahrhunderts zu führen. Juden und Christen, aber auch nicht der Salafiyya folgende Muslime, besonders Schiiten, gelten als Ungläubige (kafir).

Was ist Neo-Salafismus?

Der Terminus technicus „Neo-Salafismus“ beschreibt ein Phänomen der Moderne und spricht besonders junge Menschen mit dem Versprechen einer „ethnizitätsblinden umma“ an. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der ethnisch-kulturell organisierten Migrantenverbände in Deutschland wird die Herkunftsbiographie des Einzelnen ausgeblendet, solange er bedingungslos der Ideologie der Salafisten folgt. Charismatische deutschsprachige Imame – wie beispielsweise die Konvertiten Pierre Vogel alias Abu Hamza und Sven Lau alias Abu Adam –, verstehen es, in einer verständlichen Sprache, sich der Popkultur bedienend, auf die Sorgen und Belange junger Menschen einzugehen.

Die Welt wird in „Gut“ und „Böse“, in „halal“ (erlaubt) und „haram“ (verboten) eingeteilt. Das gibt jungen Menschen mit schwierigen Biographien emotionale Zufluchtsorte und ein Gefühl des Gebrauchtwerdens und Geborgenseins. Interessanterweise schließen sich neben verirrten Muslimen der dritten Generation in Deutschland vor allem eine erstaunliche Zahl von Konvertiten neo-salafistischen Bewegungen an.

Das Internet spielt bei der Werbung und Radikalisierung junger Salafisten eine zentrale Rolle. In Internetforen und medialen Netzwerken werden erste Kontakte geknüpft, „Nashids“ (islamistische Kampflieder) verbreitet und Videos von Enthauptungen oder Massenexekutionen verlinkt und massenhaft als „Pop-Dschihad“ vermarktet. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, dazu: „Was die Leute anzieht, ist die hohe Brutalität, ist die Radikalität, die Rigorosität“.

Gefahr einer neuen „neo-salafistischen“ Generation in Deutschland

Derzeit zählen mehr als 6200 Personen zum salafistischen Milieu in Deutschland. Dabei muss ein Salafist nicht automatisch gewaltorientiert oder gewaltanwendend sein. Die überwältigende Mehrheit der Salafisten in Deutschland zählt zur Gruppe der puristischen Neo-Salafisten. Die Anhänger dieser Gruppe werden als apolitisch und antimilitant bezeichnet. Sie leben persönlich nach salafistischer Ideologie, kleiden sich nach dem Vorbild des Propheten wie im 7. Jahrhundert und missionieren (dawa). Sie lehnen jedoch anders als politische Neo-Salafisten eine Mitwirkung im politischen System ab.

Eine kleine, besonders gefährliche Gruppe bilden die dschihadistischen Neo-Salafisten. Anhänger dieser Strömung lehnen jede Form des friedlichen Miteinanders, den Rechtsstaat und die freiheitlich-demokratische Grundordnung ab. Nach Angaben der Verfassungsschutzbehörden sind zwischen 400 bis 500 aus Deutschland stammende Salafisten in den Dschihad nach Syrien und den Irak gereist, mindestens 130 von ihnen sind nach Deutschland zurückgekehrt. Mindestens fünf deutsche Salafisten waren in Syrien und Irak in Selbstmordanschläge involviert.

Die Entwicklungen in der Szene der sogenannten „homegrown-jihadists“ sollten daher von den Sicherheitsbehörden besonders aufmerksam verfolgt werden. Dschihadistische Neo-Salafisten stellen als Rückkehrer eine ernstzunehmende Herausforderung für Deutschland dar. Zusätzlich radikalisiert oder frustriert durch das Erlebte, enthemmt von allen Grundregeln zivilisatorischen Handelns, droht durch die Rückkehrer und ihre Multiplikatorenfunktion eine neue Generation neo-salafistischer Extremisten in Deutschland zu entstehen.

Besonders besorgniserregend ist, dass die Radikalisierung salafistischer Personen rasant geschieht und die Übergänge zwischen puristischen und dschihadistischen Neo-Salafisten oftmals fließend sind. Wenn Salafisten also in Moscheen von zweifelhaften Imamen verkehren, nicht ausreichend fest im eigentlichen Glauben verankert sind und den verheerenden Heilsversprechen von Demagogen folgen, kann eine ungeahnte Radikalisierung erfolgen. Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, warnte bereits vor Jahren: „Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist. Aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten.“

Mehr Informationen in der KAS-Publikation „Neo-Salafismus in Deutschland“. Abrufbar hier.

Ein Kommentar zu »Islamisten in Deutschland auf dem Vormarsch«

  1. Fanz Borowka schrieb:

    Diese Ausführungen dienen welchem Zweck?
    Was soll die Unterscheidung zwischen puristischen Neo-Salafisten und politischen Neo-Salafisten ?
    Wie ist das bei beiden Gruppen mit der Anerkennung der grundgesetzlichen Ordnung?

    Ich warne vor Gutmenschentum im Zusammenhang mit Fanatikern, Extremisten.

Diskussionsbeitrag schreiben