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Regenwürmer schreiben keine Gedichte oder die vierte Säule der Nachhaltigkeit

 

Milchkühe im StallgebäudeDer Begriff der Nachhaltigkeit ist inzwischen mehr als dreihundert Jahre alt. Hans Carl von Carlowitz hat ihn eingeführt, er legte damit die Grundlagen der Forstwirtschaft. „Nicht mehr (Holz) entnehmen, als nachwachsen kann“: Sein Motto wurde zum Erklärungsbild der Nachhaltigkeit. Nach bisherigem Verständnis gibt es drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Diese drei in Einklang zu bringen ist anspruchsvoll und zugleich zu wenig. Für den Planeten reichen diese drei Dimensionen der Nachhaltigkeit aber. Sie gewährleisten, dass er nicht kollabiert. Mehr muss ihn nicht interessieren, mehr braucht er nicht. Er will, sofern wir ihm einen Willen unterstellen können, nichts mehr, als den Menschen möglichst unbeschadet zu ertragen, zur Not auch dauerhaft.

Für den Menschen aber sind diese drei Dimensionen der Nachhaltigkeit nur die Gewähr der dauerhaften Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Mit den bisherigen drei Säulen lässt sich gewährleisten, dass die Menschen Arbeit haben, ohne ausgebeutet zu werden; dass sie Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge haben, und dass die Vielfalt der Natur bewahrt wird, um auch zukünftig als Ressource zu dienen. Das ist weit mehr, als bisher erreicht wurde. Allein die ersten beiden Kriterien, Arbeit und Soziales, sind vielleicht für eine Milliarde Menschen annähernd erfüllt, mehr als sechs Milliarden haben ein bisher unerfülltes Anrecht darauf.

Das Kriterium der Ökologie ist nicht erfüllt, denn schon diese eine Milliarde Menschen verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde dauerhaft zur Verfügung stellen kann. Auch wenn wir also noch weit davon entfernt sind, die klassischen drei Kriterien der Nachhaltigkeit zu erfüllen, sind sie immer noch zu wenig, um das Gebäude der Nachhaltigkeit zu tragen. Was wäre, wenn diese drei im Einklang wären, also die Bedingungen der Nachhaltigkeit, wie bisher definiert, erfüllt wären? Es gäbe eine Welt, in der alle Menschen Essen und Wohnung hätten und von ihrer eigenen Arbeit leben könnten, Zugang zu Bildung hätten, die wiederum dafür sorgen würde, dass sie eine Arbeit hätten. Und alle Menschen wären frei von Diskriminierung und mit auskömmlicher Gesundheitsfürsorge ausgestattet.

Regenwürmer schreiben keine Gedichte

Wäre all dies, was absolut erstrebenswert ist, erreicht, dann wäre nur gewährleistet, was heute nicht gewährleistet ist: dass es unendlich so weitergehen kann mit dem Menschen, der diesen Planeten bewohnt und dominiert. Doch eine höhere Qualität hat das alles nicht. Eine solche nachhaltige Welt kann man sich auch ohne den Menschen denken, viel einfacher sogar. Es wäre schlicht eine Welt, in welcher der Mensch angenehm lebt und neben oder besser unter ihm eine ausreichende ökologische Vielfalt besteht.

Es wäre eine Welt, die von einer dominierenden Tierart geprägt wäre, aber eben von einem Tier. Denn all das, was mit den drei Säulen der Nachhaltigkeit beschrieben wird, unterscheidet den Menschen nicht vom Tier. Arbeit, die sie ernährt, hat auch die Honigbiene; ein soziales System der Fürsorge hat auch die Ameise; und Gewalt auszuüben ist kein menschliches Alleinstellungsmerkmal. Weil selbst die DNA nicht so wahnsinnig viele Unterschiede zwischen Regenwurm, Affe und Mensch auftut, muss es etwas anderes sein. Es sind Gott und Kultur. Wahrscheinlich ist es nur Gott, der uns von den Tieren unterscheidet. Und alles andere folgt daraus.

Tiere und Menschen essen, trinken, arbeiten, schlafen und haben Sex. Menschen haben Kultur. Regenwürmer schreiben keine Gedichte, Ameisen bauen keine Tempel. Löwen singen keine Arien, Pandabären schreiben keine Haikus, und selbst Wale, auch wenn sie kurz davor sein mögen, komponieren keine Sinfonien. Eine Welt also, die keine Kultur hat, wäre eventuell zwar dauerhaft, aber wenig erstrebenswert. Es wäre ja bloß eine Welt, die den Fortbestand der Menschen wie der Ameisen gewährleisten würde. Nicht schlecht für den Anfang, aber trotzdem ziemlich simpel. „I just want to eat, sleep, fuck and finally die“ – auch dieses Zitat aus dem Film „River Made to Drown in“ (1997) ist eben schon wieder Kultur, denn wer nur isst, schläft, f… und schließlich stirbt, reflektiert dies eben nicht.

Nichts, das nicht von Künstlern begleitet wäre

Es dürfte also ziemlich klar sein, dass eine nachhaltige, erstrebenswerte Welt nicht ohne Kultur sein kann. Aber ist das ein Grund, die drei bisherigen Säulen der Nachhaltigkeit als ungenügend zu bezeichnen? Schließlich könnte man doch postulieren, dass die Kultur, wenn die Nachhaltigkeit gegeben wäre, schon folgen würde, weil sie eben zum Menschen dazugehört. Das ist sicherlich richtig. Aber wird es denn diese Reihenfolge geben? Wir bringen Ökologie, Ökonomie und Soziales in Einklang, dann ist die Welt nachhaltig (ewig)? Wenn das stimmte, warum ist die Welt dann noch nicht ansatzweise nachhaltig? Weil etwas fehlt.

Für Tiere reicht eine genetische Determination. Ich töte, um zu essen; ich esse, um zu leben; ich lebe, um mich fortzupflanzen; und ich sterbe, um Platz zu machen. Da der Mensch aber teilweise vernunftgesteuert ist, braucht es mehr als Triebe, um sein Verhalten in Schach zu halten, um ihn von einem auf Implosion zusteuernden Verhalten zu einem ewigkeitsermöglichenden Handeln zu lenken. Er muss, und das dauerhaft, intellektuell gebunden werden. Und wie geht das? Es bedarf einer Erzählung. Wer aber kann erzählen? Der Mensch, zum Glück. Wenn wir es zuordnen wollen: Dichter, Komponisten, Maler, Bildhauer, auch Rapper, Aktionskünstler, DJs, Tänzer. Künstler eben.

Schauen wir uns die Vergangenheit an – nichts, das nicht von Künstlern begleitet wäre: Religion, Aufklärung, Revolution, Krieg. So wie alle bisherigen Säulen der Nachhaltigkeit ist die Kunst von sich aus nicht der Nachhaltigkeit verpflichtet. Allen ist auch das Streben nach Vorherrschaft eigen, mehr oder weniger. Bei der Wirtschaft würde das jeder unterstellen. Beim Sozialen kann man leicht feststellen, dass soziale Vorstellungen, zum alleinigen Ideal erhoben, zum Gegenteil von Nachhaltigkeit führen. Aber auch der sakrosankte Naturschutz ist für sich allein genommen pure Ökodiktatur. Den Südamerikanern abzuverlangen, den Regenwald zu schützen, ohne ihnen ein Angebot zu machen, wie sie ihr Leben verbessern können oder wenigstens ihren Kindern ein menschengerechtes Leben zu ermöglichen, ist nicht nachhaltig, sondern zynisch oder, neutraler formuliert, eurozentrisch.

Kein heroischer Sieg, sondern ein Prozess

Dieser Eurozentrismus, von dem Amerika letztlich nur ein ausgelagerter, wenn auch wesentlicher Teil ist, hat ja dazu geführt, dass wir heute eine Welt haben, die – und das auch nur noch mittelfristig – lediglich für ein Siebtel der Weltbevölkerung recht auskömmlich funktioniert. Bert Brecht hat gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Das wird gern mit fatalistischem Unterton zitiert. Der Mensch sei eben nicht wirklich moralisch. Er sei primitiv, wähle das Niedere und nicht das Höhere. So kann nur einer denken, der satt ist. Natürlich kommt erst das Fressen.

Sonst wäre alles schnell vorbei. Moral ist für immer, ohne Fressen gibt es kein Morgen. Ein paar Tage fasten geht, schon vierzig Tage sind nur für wahrhaft Große, denn wer von uns könnte nach vierzig Tagen der Begegnung mit dem Teufel in der Wüste widerstehen? Wir brauchen für unser Handeln ein Motiv, jedenfalls dann, wenn wir für den Tag satt sind. Und dieses Motiv zu liefern und zu tradieren ist eine kulturelle Leistung. Wenn wir also heute trotz aller Information nicht nachhaltig leben, dann liegt das daran, dass wir nicht ausreichend motiviert sind. Es liegt daran, dass die drei Säulen der Nachhaltigkeit nur beschreiben, was sein müsste, damit alles von Dauer sein kann.

Sie liefern aber nichts, was zu den dafür notwendigen Handlungen motiviert, insbesondere dauerhaft motiviert. Das Dauerhafte ist ja gerade das Dumme an der Nachhaltigkeit: Es reicht kein intensives, konzentriertes, einmaliges Bemühen. Nachhaltigkeit ist nicht der eine, große historische Sieg. Nachhaltigkeit ist nicht wie die Aufklärung, nicht wie die Entdeckung der Planetenbewegung, nicht wie die Entschlüsselung der DNA: einmal erkannt, kaum noch zu eliminieren. Nachhaltigkeit ist ein ewiger Prozess.

Die menschenmögliche Ewigkeit

Gab es jemals etwas, was überdauert hat, ohne dass es Kultur wäre? Wüssten wir auch nur irgendetwas, wenn nicht irgendein Künstler es in Worte, in Bilder, in Stein verewigt hätte? Natürlich nicht. Es geht aber nicht um bloßes Weitererzählen. Es geht natürlich um den Diskurs, um die Beschäftigung mit den Herausforderungen der Nachhaltigkeit. Es geht um die Wege und Irrwege. Es geht, wie immer, um all das, was uns unmittelbar angeht, um weit mehr als nur Ökologie, Ökonomie und Soziales.

Und damit sind wir an dem Punkt, wo wir erkennen können, dass drei Säulen das Gebäude der Nachhaltigkeit zwar stützen, aber nicht tragen. Wir werden das Gebäude einer nachhaltigen Gesellschaft nicht errichten können, wenn wir nicht die Säule der Kultur einziehen. Trinität ist eine singuläre Angelegenheit, nämlich die des Christentums. Dort, und nur dort, funktioniert sie. Wir Menschen, die wir eine Stufe darunter sind, brauchen halt vier. Errichten wir also ein stabiles Gebäude der Nachhaltigkeit mit den Säulen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kultur. Dieses Gebäude wird halten für die Ewigkeit – die menschenmögliche Ewigkeit.

Dieser Blogbeitrag ist vorab am 23.10.2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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