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Reisetagebuch Japan: Im Genuss japanischer Höflichkeit

Welche Unterschiede gibt es zwischen Deutschland und Japan? Bei allen Gemeinsamkeiten, was die Probleme angeht, sicher immer noch viele. Unter anderem schämt man sich in Japan viel schneller, wie sich beim zweiten Tag des Japan-Besuchs des Fraktionsvorsitzenden zeigte.

Eintrag in das Goldene Buch der Provinz Kobe (Foto: Scharlack)
Eintrag in das Goldene Buch der Provinz Kobe (Foto: Scharlack)

Szene: Ein Hörsaal der Universität von Kobe. Die Studenten hörten konzentriert zu, schrieben eifrig mit, als Volker Kauder seine Rede hielt. Einige nickten ab und zu. Sie tuschelten nicht, schauten nicht auf ihre Smartphones. Dennoch war ein Professor am Ende der Rede Kauders peinlich berührt. „Ich entschuldige mich für meine Studenten. Einige sind bei der Rede rein- und rausgegangen“, seufzte der Hochschullehrer. Kauder wusste nicht so recht, wovon der Professor sprach, hatten doch höchstens ein oder zwei Studenten den Saal vorzeitig verlassen und das auch recht unauffällig. „So diszipliniert habe ich Studenten noch nie erlebt“, gab Kauder zurück. Und: „Eine solch große Disziplin bin ich auch aus dem Bundestag gar nicht gewöhnt.“ Die Widerworte gegen den Professor kamen nicht schlecht an. Aber mehr als ein Lächeln gönnten sich die Studenten nicht.

Volker Kauder vor Studenten der Universität Kobe. Smartphones bleiben hier - inzwischen ganz ungewohnt für uns - in der Tasche.
Volker Kauder vor Studenten der Universität Kobe. Smartphones bleiben hier – inzwischen ganz ungewohnt für uns – in der Tasche.

Ansonsten drehte sich die Diskussion mit den Studenten um die Themen, die derzeit auch in Deutschland die Menschen beschäftigen: Die Situation der Weltwirtschaft, die Bedrohung durch den Terrorismus des „Islamischen Staates“, die Ukraine-Krise. Ein Student fragte, ob in Deutschland wieder ein Nationalismus erstarken könne. Nein, antwortete Kauder. Wohl kein Land der Welt habe sich so sehr mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt wie Deutschland. Daher werde es in Deutschland auch keinen neuen Nationalismus geben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei darüber hinaus ein Mittel zur Aussöhnung mit seinen Nachbarn – ein Schritt, den Japan auch 70 Jahre nach Kriegsende noch nicht gegangen ist.

In Kobe besuchte die Delegation das japanische Forschungszentrum des deutschen Pharmaherstellers Boehringer Ingelheim. Viele deutsche Firmen haben es schwer, in Japan Fuß zu fassen, auch weil ihre Produkte oft sehr lange von Behörden geprüft werden, ehe sie – wenn überhaupt – zugelassen werden. Boehringer geht hingegen sei langem einen anderen Weg. Nach 40 Jahren in Japan und mit der Einbeziehung japanischer Forscher hat das Unternehmen Vertrauen aufgebaut. Bei der Zulassung neuer Medikamente werde man nicht schlechter behandelt als ein japanisches Unternehmen, hieß es stolz beim Rundgang.

Rundgang bei Boehringer
Rundgang bei Boehringer

Letzter Termin des Tages war ein Höflichkeitsbesuch beim Gouverneur der Provinz Kobe. Kobe ist bekannt für sein ausgezeichnetes Rindfleisch. Angeblich sollen die Rinder sogar massiert werden, damit ihr Fleisch besonders zart wird. Kauder gab dem Gouverneur einen Tipp: „Machen Sie doch ein Lokal in Berlin auf. Das wird laufen.“

Eintrag in das Goldene Buch der Provinz Kobe.
Eintrag in das Goldene Buch der Provinz Kobe.

3 Kommentare zu »Reisetagebuch Japan: Im Genuss japanischer Höflichkeit«

  1. schuermann schrieb:

    Japan ist nicht nur eine Reise wert. Jeder, der eine Reise tut, hat so seine eigenen Eindrücke. Manchmal werden auch nur die Vorurteile des Reisenden bestätigt. Dass man sich in Japan „schneller schämt“, ist zu bezweifeln. Der in Rede stehende Professor wollte sicher nur höflich erscheinen.
    Die Versicherung Kauders, ein neuer Nationalismus in Deutschland sei nicht zu erwarten, möge in Erfüllung gehen. Aber es mehren sich die Zeichen, die Zweifel an dieser Aussage erlauben. Indizien: zu viele Flaggen im Wind; die Nationalhymne inflationär, sogar zu Beginn der Bundesligasaison; die Bereitschaft, die Bundeswehr in alle möglichen auswärtigen Konflikte zu schicken pp.

  2. Ria Roto schrieb:

    Nach unseren Maßstäben ist sich schneller zu schämen nicht unbedingt ein Charaktervorteil. Eher ein Zeichen für Unsicherheit. Und warum schämen sich die Japaner nicht für Pearl Harbor? Auch nicht für die grauenhaften Untaten in China und in Korea? Sie schämen sich nicht für die hemmungslosen Industrieplagiate und nicht dafür, dass ihre Wohnungen zu klein für den Nachwuchs sind. Liebeshotels für Ehepaare! Auch für die in den Zügen und U-Bahnen üblichen engsten Körperkontakte schämen und entschuldigen sie sich nicht. Auch nicht dafür, dass ihr Staat hemmungslos verschuldet ist und sie seit ca. 20 Jahren dieses Dilemma nicht bewältigen können. Dafür müssten sie sich wirklich schämen bei den positiven Vorurteilen, die bisher für sie galten. Wofür schämen sie sich denn dann überhaupt? Für den möglichen Gesichtsverlust gegenüber Fremden. Und diese Gefahr vermuten sie hinter jeder Ecke. Diese Ehrpusseligkeit führt auch dazu, dass die Selbstmordrate in Japan wesentlich höher ist als bei uns. Dafür müssten sie sich wahrlich schämen.

    Die Frage des deutschen Nationalgefühls ist wahrlich irre. Warum muss denn das Gefühl für uns so gefährlich sein und kann für andere Länder eine Wohltat sein? Wer sowas annimmt, muss dann doch zwangsläufig auch davon ausgehen, dass wir genetisch für nationale Gefühle nicht oder nur schlecht geeignet sind. Naheliegend gilt das dann ja auch für alle anderen Gefühle. Was für ein Quark! Außerdem hat dann Herr Kauder zusammen mit allen seinen Generationsmitgliedern seit 1945 bei der Umerziehung aller Nachkriegsgenerationen versagt. Kann es noch abstruser sein? Natürlich haben wir einen neuen, aber sehr vorsichtigen „gesunden“ Nationalismus, der besonders bei den deutschen Immigranten weitaus stärker als bei den „Alteingesessenen‘“ ausgeprägt sein kann.

    Zu den Indizien: In anderen Ländern gibt es mehr Flaggen als Einwohner. Müssen wir schon politische Angst vor unserer eigenen Flagge haben? Schon mal in den USA gewesen? Wäre uns dann die Flagge der Sozialistischen Internationale recht? Unsere Hymne wird ja, wie nahezu jedes Volkslied (dafür schämt man sich bei uns!) kaum gesungen. Ja für wen soll dann die Bundeswehr kämpfen, wenn nicht für uns, für den Staat, für unsere Nation? Stolz sein auf unseren Pazifismus? Oder ist den Pazifisten das Schicksal der anderen Länder egal? Aber die Amerikaner durften für uns nicht nur bis 1945, sondern auch bis jetzt ihre Köpfe hinhalten. Das war uns nicht egal. Keine Wehr haben wollen aber darauf vertrauen, dass die USA die kleinen Schwierigkeiten schon regeln werden, ist nicht nur feige, das ist eine linksintellektuelle Verantwortungslosgikeit. Es sei denn, man hofft im geheimen darauf, dass man wehrlos um so leichter wieder sozialistisch werden könnte. Weil ein Idiot unter besonderen, für viele nicht mehr nachvollziehenden Gründen, in der Lage war, den ehemals kaiserlichen und dann heimatlosen Nationalismus zu missbrauchen, muss doch ein neu erarbeitetes Recht auf ein gesundes Nationalgefühl nicht von vornherein verboten sein!

    Klebt da auch an Herrn Kauder permanent auch das linksintellektuelle Bemühen, uns und damit sich selbst schlecht zu machen? Diese Selbst-Demoralisierung hat einen perfiden Hintergrund. Aus purer Angst davor, dass man den eigenen Gefühlen und politischen Emotionen und denen des ganzen Volkes nicht mehr gewachsen sein könnte, sollten wir tunlichst gefühllos sein. Würden wir aber mit Inbrunst die Sozialistische Internationale, wie es auf SPD-Veranstaltungen immer noch vielfach üblich ist, singen, dann würde keiner dieser linken Moralapostel unsere neue internationale Nationalität beklagen. Dabei hätten wir wahrlich genug Gründe, auf unsere nationalen und internationalen Nachkriegsleistungen stolz zu sein!

  3. Ria Roto schrieb:

    Habe ich Herrn Kauder falsch verstanden? Setzt er einen verqueren Nationalismus mit einem berechtigten Stolz auf die eigene Nationalität, auf die Leistungen der eigenen Gesellschaft gleich? Wenn dem so ist, dann sei ihm gesagt:

    Wir haben wahrlich genug Gründe, auf unsere nationalen und internationalen Nachkriegsleistungen in Form eines berechtigten Nationalgefühls stolz zu sein!

    Wie haben wir denn begonnen? 1945 war ein Restwohl nur Denen, die auf dem Lande mit einer weitgehenden Selbstversorgung zurechtkamen. Aber das war die Minderheit, zumal auch die Männer und Handwerker für die Feldarbeit fehlten. Wir waren im wahrsten Sinne staatenlos. 1945 hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, wie denn der nächste Tage aussehen wird. An ein verdientes Einkommen, an Produktion, an Gewerbe, an Handwerk und an Landwirtschaft war nicht zu denken, nicht mal war davon zu träumen. Frauen die nur noch Männerarbeit machen mussten. Mütter, die keinen Halt mehr hatten. Kinder die sich an die hilflosen Mütter klammerten. Frauen, die besonders im Osten als Freiwild galten konnten. Flüchtlingsschicksale, die das ganze Leben traumatisieren. Männer die die Verantwortung für die Lieben tragen sollten, aber nicht wussten, wie sie damit beginnen können. Die Familien zerrissen und zerstört.

    Jeden Morgen sah man die verweinten Augen der Frauen. Über all dem drohte auch die Sorge um die Männer, Frauen und Kinder, deren Schicksale ungewiss waren. Mama, wann kommt der Papa wieder? Aber wir kannten ihn ja gar nicht. Die Mutter und die Großeltern: Wir wissen nichts. Lebt er noch? Wann kommt endlich ein Lebenszeichen? Und dann war er 1947 da. Ein gebrochener Mann, ein unbekannter Mensch. Frau und Mann mussten mit dieser psychischen Belastung nach vielen Jahren familiärer Entwöhnung wieder zusammen finden. Und die Kinder dazwischen. Plötzlich war da ein anderer Mensch, der auch was zu sagen haben wollte. Die Psyche eines ganzen Volkes war nur noch ein unentwirrbares Bündel aus Angst und Schrecken. Der Begriff Lebensfreude galt auf ewig als unerreichbar. Aus dem größten industriellen und gesellschaftlichen Schutthaufen der modernen Weltgeschichte musste neu aufgebaut werden. Zutiefst demoralisiert und einer unbekannten Fremdherrschaft ausgesetzt, haben unsere Eltern ohne jeden Glauben an eine Zukunft und einen funktionierenden Staat begonnen und leben müssen.

    Zuerst kamen die Sieger mit der Notversorgung aus den weltweit zusammengekarrten Resten. Dann kam als größter Segen die Schulspeisung. Damit wurden zumindest die Folgen der Mangelernährung aufgehalten, aber eben auch nicht behoben. Dann wurden aus dem Schutt die Steine und das Metall geborgen. Notdürftig wurden Mauern gestützt und gebaut. Über allem drohte der Morgenthauplan, der uns auf ewig zu einer Bauerngesellschaft machen wollte. Aber die Alliierten wussten dann auch, dass alles nicht so ungeplant und zufällig weitergehen konnte. Der Marshallplan gab Hilfestellungen für den industriellen Wiederaufbau, während gleichzeitig die Reparationslieferungen den Osten entkernten. Dennoch ging es langsam weiter und hin und wieder auch bergauf. Davon merkte aber ein großer Teil der Bevölkerung nichts. Einschneidend dann 1948 der Ruck durch die Währungsreform und der große Sprung nach vorn. Man merkte, es gibt eine Zukunft. Wenn man auch nicht wusste, wie wer sie gestalten wird.

    Wir haben den Wiederaufbau selbst geschafft. Auch die Marshallplangelder mussten zurückgezahlt werden. Von den europäischen Ländern absolut keine Unterstützung. Lediglich die Amerikaner und deren Hilfsorganisationen (Quäker!) hatten Erbarmen. Aber unsere deutschen Tugenden, die vorher so schändlich missbraucht wurden, haben wir genutzt. Das Ergebnis der Folgejahre ist bekannt. Es kamen mehrere Wellen der Weltwirtschaftsschwierigkeiten. Und dennoch mussten wir alle 5-7 Jahre unsere Währung aufwerten und alle anderen Länder ihre zum Teil rabiat abwerten, weil unsere Produktivität mit der modernen industriellen Ausstattung permanent stieg und die europäischen Nachbarn nicht mithalten konnten. Die rieben sich verwundert die Augen und der Begriff Wirtschaftswunder war geboren. Derweil drohten wir zwischen den Mächten des kalten Krieges zerrieben zu werden. Denn wer traut einem solchen Land zwischen den Fronten eine problemlose und bessere Zukunft zu? Aber auch diese Probleme haben wir gemeistert und die CDU hat, im Gegensatz zur SPD und der ev. Kirche, immer noch fest an die Wiedervereinigung geglaubt. Dann kam sie, die Chance aus der Position der Stärke geboren, die Wiedervereinigung. Nur unsere Nachkriegsleistung hat uns für den Osten zum gelobten Land gemacht. Welches Land, welche internationale Organisation hat uns dabei geholfen? Niemand. Wenn die Amerikaner nicht die Chance gesehen hätten, mit der Wiedervereinigung dem anderen kalten Krieger den Gnadenschuss zu geben, wäre auch dieses epochale Ereignis nicht möglich gewesen. Auch alle anderen Nachbarn waren dagegen. Wir haben die Wiedervereinigung alleine gemeistert. Hilfe wurde nicht angeboten, erbeten und gebraucht. Allein unsere Kraft hat dafür gereicht. Und dann kam die Quittung, denn Mitte der 90ger galten wir als der kranke Mann Europas. Was kam, war eine revolutionäre Kraftanstrengung um die Industrie wieder wettbewerbsfähig zu machen. Auch diese Mammutaufgabe haben wir alleine und ohne jede fremde Hilfe bewältigt. Dagegen haben unsere Nachbarn diesen gesellschaftlichen Wandel und die industrielle Erneuerung nicht mit gleicher Entschlossenheit umgesetzt. Das Ergebnis ist an den Außenhandelsbilanzen abzulesen.

    Wenn die Amerikaner und andere Länder jetzt gar fordern, dass wir mehr konsumieren sollen, um die Bilanz nicht zu einseitig werden zu lassen, dann ist das doch ein klares Eingeständnis dafür, dass sie sich unserer Produktivität nicht gewachsen fühlen und wir doch bitte durch unsinnigen Konsum einen Teil unserer Produktivität auf diesem Wege vernichten sollen. Jetzt sind wir sogar zum Zahlmeister Europas geworden, was uns dann auch noch den Vorwurf der Rittmeisterallüren einbringt. Verkehrte Welt und verdrehte Maßstäbe! Unsere Regierung wird weltweit als vorbildlich angesehen. Frau Dr. Merkel genießt weltweit das größte mögliche Ansehen. Nur unseren zögerlichen Pazifismus, den will niemand im Ausland mehr verstehen. Wie groß ist die Bundeswehr, wie schlecht ist sie ausgerüstet und wo soll sie überall eingesetzt werden? The Germans to the front! Für viele sind wir alleine schon deshalb wieder unheimlich, weil wir die gesammte Nachkriegszeit ohne fremde Hilfe gestaltet und optimal bewältigt haben.

    Wenn wir auf diese Bilanz nicht ein wenig stolz sein dürfen, worauf denn sonst? Aber es gibt auch Parallelen. Denn Japan ist in den Jahren von 1945 bis ca. 1985 das Gleiche geglückt. Die dürfen ebenfalls darauf zu Recht stolz sein. Südkorea, China, Polen, die baltischen Staaten und einigen anderen Ländern erbrachten und erbringen die gleiche Leistung. Auch denen wird niemand das Recht und den Stolz auf ihr neu gefundenes Nationalgefühl absprechen.
    Aber wir beanspruchen wieder einmal eine Sonderrolle. Wir sollen in ewiger Demut verharren. Denn ein Volk, in dieser Demut kurz gehalten, ist natürlich auch leichter zu regieren. Dafür haben die neuen Generationen kein Verständnis. Zu erwarten und zu verlangen, dass wir den großen emotionalen Sprung, in Form einer Verleugnung der nationalen Identität zugunsten eines europäischen Nationalgefühls (the Germans to the front!), eines schönen europäischen Wundertages erleben, ist pure Illusion. Davor sollten uns die vom Ausland zugeschriebenen Tugenden bewahren.

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