Geschichte, Gesellschaftspolitik, Innenpolitik, Menschenrechte

Aufbruch ins Ungewisse

Katharina Landgraf zum 25. Jahrestag der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR

Foto: picture alliance/ dpa
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Am 18. März vor 25 Jahren – mit der ersten freien Volkskammerwahl – öffnete sich für mich persönlich die Welt der Politik. Überraschend und ziemlich unvorbereitet. Den Wahlabend verbrachte ich zuhause bei meiner jungen Familie. Wahlparty? Fehlanzeige. Unklar war zudem, ob mein Listenplatz drei überhaupt reichen würde, um in das neue Parlament zu kommen. Also ging ich am nächsten Tag wie gewohnt zur Arbeit ins Büro der Landwirtschaftsgenossenschaft. Ein handgeschriebenes Telegramm, das uns die Postbotin tags darauf brachte, war dann meine tatsächliche Fahrkarte nach Ostberlin. Das war eine Reise ins Ungewisse. Die einzigen Koordinaten waren damals die Zahlen des Wahltages: die Allianz für Deutschland erreichte im Bezirk Leipzig die absolute Mehrheit – CDU 39,6, DSU 10,1 und der DA 0,7 Prozent. Und das bei einer Wahlbeteiligung von 92,6 Prozent.

„Wir kannten das Ziel, aber nicht den Weg“

Alle hatten erwartet, dass die DDR links wählt und die Bürgerrechtsgruppen ebenso gut abschneiden. Das stellte sich als Irrtum heraus. Ein geschichtlicher Betriebsunfall aus der Sicht des linken Lagers war perfekt, aber für mich kein Thema, über das lange gegrübelt werden musste. Der Auftrag der Wähler hieß fortan deutsche Einheit. Wie sollten wir das als Neue in der Politik machen? Wir konnten nicht in die Deutsche Bücherei in Leipzig gehen und uns einschlägige Literatur und Rezepte ausleihen. Wir kannten das Ziel, aber nicht den Weg dorthin. Aufbruch ins Ungewisse darf man das nennen.

 

Lernen durch Handeln

Was machen nun die putzmunteren Kräfte des überlebten Systems? Bleibt alles friedlich, so wie im Herbst 1989? Wirkt der Geist der Gewaltlosigkeit auch weiter? Wie belastbar sind wir in der gewonnenen Demokratie?  Fragen über Fragen, kaum Antworten. Also haben wir einfach losgelegt. Lernen durch Handeln war die Devise. Da gab es keine Konjunktur für Bedenkenträger, auch deshalb nicht, weil einfach die Situation des Landes dramatisch schlecht war. Eine solche Situation habe ich seither nie wieder erlebt. Jeden Tag neues Denken, neues Handeln, neue Hiobsbotschaften. Politische Kreativität verirrte sich damals nicht in einem Paragrafendschungel, so wie wir ihn mittlerweile bis heute angelegt haben. Die Leitplanken für unser Tun waren ziemlich klar zu erkennen. Und sie wiesen uns am Ende den Weg und die Richtung zur Einheit. Unklar war nur, wie viele Stationen und wie viel Zeit bis zum Ziel, das uns Kraft gegeben hat und uns immer mutiger in unseren Beschlüssen in der Volkskammer gemacht hat, noch zu bewältigen sind.

Heute halte ich inne und sage für die damalige Zeit schlicht und einfach „Danke!“. In und mit der Volkskammer haben wir demokratisch alle Möglichkeiten genutzt, um in Frieden und Freiheit die Vereinigung unseres Vaterlandes zu erreichen. Das geschah friedlich, ohne Blutvergießen. Angesichts der heutigen Situation in Europa und in der Welt erscheint unser damaliges Erleben und Handeln geradezu als unglaublich und als unschätzbar wertvoll.  Das sollten wir über alle Fraktionen hinweg in Demut feststellen. Unsere gemeinsame Geschichte und diesen Geist müssen wir an unsere folgenden Generationen weitergeben. So können wir ihnen helfen, Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen zu müssen.

Ein Kommentar zu »Aufbruch ins Ungewisse«

  1. Christian Czibula schrieb:

    Alle Reden von Flüchtlingen und Asylanten-das ist alles ok wäre da nicht eine Gruppe die nicht im Rampenlicht steht ! Einzelschicksale x 80.000 Visa Anträge: Familiennachzug zum Deutschen Ehegatten.Deutsche Botschaft Manila zum Beispiel verweigert seit Jahren das Mutter und Kind nach Deutschland fliegen können.Warum ? wegen eines Papieres genann A-1 Sprach Nachweis Deutsch.Das Baby ist 2 Jahre,Vater durfte sein Kind in der Webcam aufwachsen sehen. Mutter und Kind leben bei den Eltern auf 7 m² in einem Raum ohne Einkommen und Krankenversicherung in den Philippinen.
    Artikel 6 des Grundgesetzes interessiert niemanden der feinen Herren. Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages ist nicht in der Lage seit 2 Jahren die Sache zu gunsten der Familie zu entscheiden. In der Griechenlandpolitik wo es um viel Geld geht war man zu Lösungen innerhalb 2 Wochen fähig (egal ob Auflagen erfüllt waren oder nicht).Da geht alles wenn es ums Geld geht -hier wo es um Menschen geht
    schaut man weg.

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