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Vertrauen zwischen Religionsgruppen ist zerstört

Kauder im Gespräch mit den Witwen von Opfern der progromartigen Übergriffe radikaler Hindus auf Christen des Jahres 2008
Kauder im Gespräch mit den Witwen von Opfern der progromartigen Übergriffe radikaler Hindus auf Christen des Jahres 2008

Bei seiner Reise nach Mittelost-Indien erlebt Volker Kauder hautnah, wie tief bei den Christen das Misstrauen gegen große Teile der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit sitzt

Aussöhnung zwischen den Religionsgruppen ist in Orissa nicht in Sicht. Orissa ist ein Beispiel, wie mangelnde Toleranz den Zusammenhalt einer Gesellschaft aufzehren kann. Fraktionschef Kauder war schon einmal vor vier Jahren in dem abgelegenen Landstrich. Nun ist er mit dem Parlamentarischen Geschäftsführer Bernhard Kaster und der umweltpolitischen Sprecherin Marie-Luise Dött noch einmal dorthin gefahren, um sich ein Bild zu machen, wie sich ein Konflikt, der einst aus dem Hass von Mitgliedern einer Religionsgruppe gegen eine andere auf schreckliche Weise eskaliert ist, weiter entwickelt. Insgesamt ist es eine Tour von 18 Stunden, über holprige Wege, kurvige Straßen vorbei an Reisfeldern und bizarren Bergen in eine der ärmsten Regionen des Landes.

Es ist eine Versammlung der Gezeichneten, der Klagenden, der Wütenden. In einem Versammlungsraum der Kirche in Raika oben in den Bergen, fast 300 Kilometer von Orissas Hauptstadt Bhubaneswar entfernt, sind sie zusammengekommen. Sie sind Christen und wollen den Gästen aus dem fernen Deutschland berichten, was seit dem „Massaker“ von 2008, bei dem radikale Hindus mordend, plündernd und brandschatzend durch ihre Dörfer im Bezirk Kandhamal gezogen sind, geschehen ist.

Häuser von radikalen Hindus besetzt

Was die Besucher an diesem Vormittag in dem dunklen Raum hören, ist wenig ermutigend. Es gebe zwar keine Gewalt mehr. Immerhin. Jedoch: „Das Vertrauen ist zerstört“, klagt ein Mann. Er meint das Vertrauen zwischen den Religionsgruppen. Fast alle, die da auf den Plastikstühlen sitzen oder auf dem Boden – hinter ihnen ein buntes Bild von Jesus Christus – hocken, sind damals aus ihren Dörfern vertrieben worden. Sie haben ihre Häuser verloren und damit auch ihre Lebensgrundlage. Bis heute können sie nicht in ihre alte Heimat zurückkehren. Manche Häuser stehen leer, aber eine Rückkehr in die Dörfer halten die Betroffenen trotzdem für zu gefährlich – wegen der Hindu-Mehrheit, die um sie herum leben würde. Andere Häuser sind von radikalen Hindus sogar nach wie vor besetzt. Diese weigern sich, den Besitz frei zu machen. Es zwingt sie auch niemand, das zu tun.

Staat entschädigt die Opfer nicht

Auffällig ist eine Gruppe von Frauen in ihren bunten Gewändern. Sie sind alle Witwen. Ihre Männer wurden damals umgebracht. Sie müssen all ihren Mut zusammennehmen, um zu berichten. Sie lebten jetzt notdürftig irgendwo zur Miete. Sie müssten sich als Tagelöhner durchschlagen, um mühsam ihre Familien zu ernähren und den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

Was sie alle beschwert, sind die zum großen Teil oder ganz ausgebliebene Entschädigung, die die Regierung unten in Bhubaneswar einst versprochen hatte. Auch ein ehemaliger Ladenbesitzer, dem alles genommen wurde, klagt darüber, nichts vom Staat bekommen zu haben. Keine Entschädigung – das halten die Betroffenen für ungerecht, denn die Polizei hätte sie doch damals nicht beschützt. Es sei keine Hilfe von der Ordnungsmacht gekommen. Genauso wenig sind nach den Berichten die Verantwortlichen der Taten später wirklich zur Rechenschaft gezogen worden. Ein Umstand, den auch Rechtsanwälte später bei einem Treffen bestätigen. Delikte gegen Christen würden eben von der Justiz anders behandelt als gegen Hindus.

Menschenrechte sind universal

Was bleibt den deutschen Besuchern? Es ist einerseits wenig, aber doch viel. Kauder will über seine Erlebnisse berichten, Öffentlichkeit schaffen. Das wird vielen Politikern in Indien, zu dem ja Deutschland gute Beziehungen hat und diese weiter pflegen will, nicht recht sein. Schon in Neu Dehli war das zu spüren. Der Generalsekretär der Regierungspartei von Ministerpräsident Narendra Modi reagierte bei einem Gespräch schon deutlich abweisend, als er von den Gästen auf die Religionsfreiheit in Indien angesprochen wurde. Darum werde man sich in der indischen Politik schon selbst kümmern. „Seien Sie unbesorgt“, lautete seine Antwort, immerhin noch von einem Lächeln begleitet. Eine Replik, die wiederum Kauder mit dem Hinweis zurückwies, dass die Menschenrechte universial seien und nie nur innere Angelegenheit eines Staates.

Gespräche über Christenverfolgung werden verweigert

Noch frostiger verlief dann eine Begegnung mit dem Ministerpräsidenten des Bundesstaats Orissa. Naveen Patnaik wurde von indischen Gesprächspartnern als offener Politiker beschrieben. Zum vereinbarten Treffen mit Kauder und der Delegation erschien Patnaik jedoch schon mit steinerner Minie. Über die Lage der Christen in Kandhamal wollte er dann nicht diskutieren. Nach der Bemerkung, dass dort alles in Ordnung sei, schwieg er einfach auf Nachfragen. Das Treffen war nach wenigen Minuten beendet, weil auch die deutschen Gäste keine rechte Neigung verspürten, nun über andere Themen zu sprechen.

Kauder setzt sich weiterhin für Christen in Orissa ein

Patnaik könnte aber schon bald wieder mit dem Vorgängen in seinen Bergen konfrontiert werden. Kauder kündigte den Christen bei den verschiedenen Treffen an, sich für sie weiter zu verwenden. Er werde sich mit ihren Anliegen nochmals an die Regierung wenden. „Wir werden Sie nicht vergessen.“

Religiöse Intoleranz, sie scheint in dieser Welt weiter zu wachsen. Wunden heilen nur schwer. In Kandhamal war dies exemplarisch zu festzustellen. Hier in der Gegend liegen neue Konflikte zwischen den Religionsgruppen in der Luft. Die Regierung Modi im fernen Dehli setzt auf eine nationale Karte. In der Regierungspartei BJP gibt es einen radikalen hinduistischen Flügel. Die Regional-Regierung in Orissa wiegelte vielleicht auch deshalb zur Fragen nach der religiösen Toleranz ab, bis es irgendwann für ein Handeln vielleicht wieder zu spät sein könnte und ein neuer Religionskonflikt auf der Welt wieder aufbricht.

 

4 Kommentare zu »Vertrauen zwischen Religionsgruppen ist zerstört«

  1. Ane Nordland schrieb:

    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass Herr Kauder und einige andere CDU-Politiker es wichtiger finden, nach Indien zu reisen, als sich um die Situation in Deutschland bzw. Europa zu kümmern. In Indien gibt es zurzeit keine Notsituation, das hätte man auch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben können.

  2. Ockenga@freene! schrieb:

    Menschenrechte sind universal.
    Schon dieser Anspruch ist totaler Unsinn. Denn er geht von der Voraussetzung aus, dass ueberall auch die gleichen Maßstäbe für ihre Bewertung gelten. Das ist aber global nicht der Fall. Sie sollten es zwar nach unserer Meinung sein, aber unsere Meinung gilt nur in einem kleinen Teil der Welt. Es gibt leider weltweit viele verschiedene „Wahrheiten“

  3. Helga Karl schrieb:

    Ein konkreter anschaulicher Bericht. Diese Wirklichkeit schmerzt.
    Mein Respekt, Dank und Ermutigung an Volker Kauder für dieses sein Engagement, das glaubwürdig durch Nachhaltigkeit ist. Ich verfolge es schon lange.

  4. Ockenga schrieb:

    Zitat: „Religiöse Intoleranz, sie scheint in dieser Welt weiter zu wachsen…“

    Wen wundert das? War das, zumindest in der Neuzeit, je anders? Jede Religion bezieht ihre einzige Kraft aus dem Anspruch, alleine und universal die einzige Wahrheit über das Jenseits zu kennen, zu verwalten und bei Bedarf zu vermitteln. Wer partout das Angebot nicht annehmen will, der kommt unweigerlich in die Hölle. Alle Religionen leben von diesem Anspruch. Das gilt nicht nur für den Islam, auch die Geschichte des Christentums ist davon beseelt. Wer den Anspruch beliebig sieht (exemplarisch dafür zu Zeit besonders die ev. Kirche in Deutschland), den trifft die Entziehungskur mittels Flügelkämpfe und Austritte.

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