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Heimat Europa

Bild von NakNakNak auf Pixabay

Die Schlagzeilen sind oft voll mit schlechten Nachrichten zu Europa. Doch wenn wir genauer hinsehen, dorthin, wo Europa täglich gelebt wird, gibt es beinahe jeden Tag positive Entwicklungen, die wir leicht übersehen. Europa wird zwar in Brüssel und den europäischen Metropolen regiert – gelebt wird es aber in den Städten, Dörfern und Gemeinden. Dort wird europäische Zukunft gemacht. Gerade in Grenzregionen existiert ein ausgeprägtes Europa-Gefühl. Ob in Flensburg mit seinen dänischen Nachbarn im Norden oder in Ahaus ganz nah an den Niederlanden: Hier ist Europa kein abstraktes politisches Gebilde. Hier ist Europa ein alltägliches Lebensgefühl. Hier haben die Menschen hautnah erfahren, was es heißt, wenn Schlagbäume verschwinden. Daraus können wir lernen für das große Projekt der Europäischen Union. Europäisches Lebensgefühl wächst da, wo Europa konkret ist. Deshalb sollten wir mehr den Alltag der Bürger betrachten und positive Erfahrungen fördern. Möglichkeiten dazu gibt es reichlich. Welch eine tolle Idee etwa ist Free Interrail. Wir schenken jedem 18-Jährigen zum Geburtstag ein Zugticket, das in ganz Europa gilt. Eine solche vergleichsweise kleine Investition kann große Wirkung entfalten. Weil Europa als Einheit im Alltag erfahrbar wird – im wahrsten Sinne des Wortes; weil man mit dem Zug von Ort zu Ort fahren kann und nicht von Flughafen zu Flughafen jettet. Wer als junger Mensch Europa so erlebt, wird die Eindrücke und Begegnungen ein Leben lang in sich tragen. Das Pilotprojekt läuft bereits. Wie großartig wäre es, wir würden allen jungen Menschen in Europa zur Volljährigkeit ein Ticket und damit Europaerfahrung schenken. Oder nehmen wir das Erasmus-Programm. Unbestritten hat dieses Programm auch dazu beigetragen, europäisches Lebensgefühl Studierender im Alltag zu stärken. Warum entwickeln wir nicht etwas Ähnliches für Facharbeiter und Angestellte? Damit nicht nur der 20-jährige Informatikstudent anderswo in einem europäischen Nachbarland Europa lernen und Erfahrungen sammeln kann, sondern dieser Weg auch der 16-jährigen Mechatronik-Auszubildenden und dem 40-jährigen Elektriker offensteht. Es sind solche gemeinsamen Projekte, auf die wir in Europa stolz sein können, weil sie europäische Identität schaffen. Machen wir mutig weiter so und entwickeln Ideen für Spitzenforschung und -lehre in künstlicher Intelligenz, Blockchain-Technologie, Big-Data-Anwendungen und Algorithmen! Damit wir Schritt halten mit der Konkurrenz in China oder den USA. Warum also bauen wir kein EU-Stanford? Mit dem Airbus-Projekt hat europäische Zusammenarbeit doch bewiesen, dass wir dem einst übermächtigen Boeing-Konzern Paroli bieten können, wenn wir uns einig sind. Wir können ein Europa der Pioniere sein: Einige gehen mit Mut voran und ebnen den Weg. Das Schengener Abkommen und die Eurozone könnten als Blaupause für eine Verteidigungsunion dienen. Deutschland und Frankreich haben den Anfang gemacht und andere eingeladen, den Weg mitzugehen. Immer inklusiv, nie exklusiv. Die allermeisten Mitgliedstaaten wollten dann schnell dabei sein. Dieses Modell sollte das Grundprinzip der weiteren Entwicklung sein. So sind Fortschritte ohne Blockade möglich. Und Fortschritt ist nötig, denn es gibt viel zu tun. Gerade in den Grenzregionen spüren wir, dass die freie europäische Lebensart verletzlich ist. Weil der Schutz der EU-Außengrenzen nicht richtig funktioniert, gibt es wieder Kontrollen an einigen nationalen Grenzen. Wenn wir das europäische Lebensgefühl bewahren wollen, dürfen sie kein Dauerzustand sein. Auch deshalb muss der Schutz unserer Außengrenzen gewährleistet sein. In den Städten, Dörfern und Gemeinden sind auch Zuwanderer mehr als abstrakte Zahlen. Sie sind real und werden auch in der Anonymität der Großstadt nicht unsichtbar. Hier wird Verantwortung übernommen für Menschen in Not, hier wird echte Integrationsarbeit geleistet. Dennoch: Wenn Menschen kein Recht auf Schutz haben, aber trotzdem bleiben, weil Abschiebungen scheitern, dann belastet das die Bevölkerung vor Ort. Wenn Frauen und Mädchen in Universitäten und Schulen mit Vollverschleierung erscheinen, dann dürfen wir nicht nur gegenhalten, wir müssen es auch. Statt Symbole einer reaktionär-frauenfeindlichen Strömung des Islams zu tolerieren, müssen wir die Entwicklung eines europäischen Islams fördern, der unsere Werte teilt. Denn vor Ort und im Alltag entscheidet sich, ob wir unsere freie europäische Lebensart bewahren. Der anstehende Austritt Großbritanniens sollte uns eine Mahnung sein. Der Brexit ist ein besonders tragisches Beispiel dafür, wie der Wert einer Errungenschaft erst dann sichtbar wird, wenn diese verloren ist. Viele vor allem jüngere Briten spüren jetzt schmerzhaft den drohenden Verlust ihrer Zugehörigkeit zur Europäischen Union. Auf besonders drastische Weise wird das an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland deutlich. Ein Konflikt, der nach Jahrzehnten befriedet worden war, droht neu aufzubrechen, sobald wieder erste Grenzpfosten stehen. Das führt uns macht auf dramatische Weise vor Augen, wie hoch der Preis für ein Scheitern Europas ist. Auf dem Spiel steht nicht weniger als der Frieden. Auch für die verbleibenden 27 ist der Brexit ein Drama. Dies gilt umso mehr in einer Zeit, in der immer mehr Radikale die EU gleich ganz infrage stellen. Die Bürger spüren das. Nur neun Prozent der Deutschen haben nach einer aktuellen Allensbach-Befragung den Eindruck, dass die EU in einem guten Zustand ist. Ein erschreckend niedriger Wert! Unsere Antwort darauf sollte sein, Europa lokaler zu denken und konkreter zu machen. Die Europawahl kann dafür der Startschuss sein.

Jens Spahn

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