Politik

Dem American Dream geht es gut – er lebt jetzt in China

Wie wollen wir im Jahr 2030 leben? Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt, wie revolutioniert Künstliche Intelligenz Bereiche wie Mobilität und Gesundheit? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Projektgruppe Zukunft und Innovation der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Auf ihrer Reise durch Chinas Digital- und StartUp-Szene haben Abgeordnete erlebt, wie sich das Reich der Mitte aufgemacht hat, Wirtschaft und Gesellschaft auf eine digitale Zukunft auszurichten. In Gastbeiträgen schildern sie ihre Eindrücke – und was diese für Deutschland bedeuten.

Gastbeitrag von Thomas Heilmann

Seit vielen Jahrhunderten wissen Politiker, wie wichtig gute Erzählungen sind. Der American Dream verkörpert die Relevanz eines positiven gesellschaftlichen Versprechens wie kaum eine andere: Dass sich aus einem Haufen rebellischer Flüchtlinge aus Europa einmal die größte Volkswirtschaft der Erde entwickeln würde, war vor 200 Jahren kaum zu erwarten. Doch die neugegründeten Vereinigten Staaten von Amerika traten mit einem neuen Versprechen auf die Bühne der Weltgeschichte, dem Versprechen von politischer und wirtschaftlicher Freiheit. Dieses entwickelte über das 19. und 20. Jahrhundert hinweg einen enormen Sog für Einwanderer aus der Alten Welt. Millionen strebten aus einem Europa der starren Strukturen, der Obrigkeit und der Instabilität in die Neue Welt. Amerika als das Land der unbegrenzten Möglichkeit, in dem es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann, war vielleicht das zentrale Verkaufsargument Amerikas. Diese Mentalität, dass es jeder mit der richtigen Idee und einem gehörigen Brocken Fleiß zu etwas bringen kann, hat die Vereinigten Staaten in einem gewaltigen Sprung an die Spitze katapultiert, vorbei an den alten Mächten im alten Europa. Ob Amerika diese Position bewahren will, ist angesichts der amerikanischen Innenpolitik nicht mehr gewiss.

Skyline von Shanghai

Auf der anderen Seite des Globus hat sich ein anderes Land aufgemacht, mit einer neuen Version des amerikanischen Versprechens die Welt herauszufordern. China hat bereits in den letzten 30 Jahren Außergewöhnliches erreicht.

Aufbruch in eine digitale Zukunft

Als wir im August mit einer Fraktionsdelegation fünf chinesische Städte in fünf Tagen bereist und dabei über ein Dutzend Tech-Unternehmen besucht haben, konnten wir das nur zu gut beobachten: Hunderte Millionen Menschen sind aus der Armut gehoben worden, hypermoderne Städte und eine flächendeckende (digitale) Infrastruktur sind entstanden. Bei Huawei erzählte man uns, China würde in den nächsten vier Jahren überall im Land 5G ausgebaut haben. Selbst Orte, die wir hier gerne „Milchkannen“ nennen, sind dort schon jetzt mindestens mit 4G ausgestattet. Dabei ist besonders beachtlich: China ist gut 26 Mal so groß wie Deutschland und trotzdem halten wir leider nicht mit dem atemberaubenden Tempo Chinas Schritt. Aus einer westlichen Perspektive mag man dazu tendieren, die Entwicklungen der Kompromisslosigkeit des Staatskapitalismus der Kommunistischen Partei zuzuschreiben. Dies ist jedoch eine unvollständige Lesart. Viel zu lange ist unser Blick auf das „Reich der Mitte“ durch eine Reihe von Klischees verstellt gewesen. So erschien China aus Sicht des Westens doch zuerst als die leichte Beute des europäischen und japanischen Imperialismus zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, dann nach der Machtübernahme Maos als durch Kulturrevolution und den nie erfolgten „Großen Sprung nach vorne“ wirtschaftlich verarmte, hungernde und kulturell gebeulte kommunistische Diktatur. Auch nach der partiellen Öffnung Chinas zum Westen hin wurde das Land nur als vor allem günstiger Produktionsstandort wahrgenommen. Aus dieser Rolle der Werkbank der Welt hat sich China jedoch weitgehend unbemerkt vom Westen herausgeschlichen. Vielmehr ist das Land längst zum Innovationslabor der Welt geworden. Dabei unterscheidet es sich in zwei Dingen von Deutschland:

Erstens: China hat eine glasklare Strategie mit hoch ambitionierten Zielen und tut alles dafür, diese zu erreichen. Zwar kontrolliert der Staat die Prozesse in einem für uns Demokraten viel zu starken Maße, doch gleichermaßen verpflichtet sich die Bevölkerung dem Gesamterfolg des Landes und strebt augenscheinlich auch individuell nach Vollendung der Ziele, was sich nicht zuletzt in einem hohen Arbeitscommitment widerspiegelt.

Zweitens: In China herrscht eine gesunde Fehlerkultur. Wo wir Deutschen erstmal auf Nummer sicher gehen und warten ehe nicht annähernd alle Zweifel ausgeräumt sind, zögern die Chinesen nicht lange, sie machen einfach. Und wenn etwas nicht beim ersten Anlauf perfekt klappt, nimmt man die wertvollen Learnings daraus und macht es im weiteren Prozess besser. In einem Deutsch geführten und in China erfolgreichen Unternehmen sagte man uns: „Wir würden gerne einen größeren europäischen Investor haben, aber die finden immer 100 Gründe, warum man nicht in uns investieren sollte. Die chinesischen Investoren sind da einfach offener.“

Fortschrittsglaube und Ideenreichtum

Das besondere Mindset der Chinesen macht sie agiler, innovativer und im Ergebnis signifikant schneller. Das ist auch ein Grund, warum viele innovative Köpfe aus Deutschland heute in China zu finden sind, auch als Gründer übrigens.

Byton ist auch so eine von Deutschen gegründete Firma in China, die enormes Tempo vorgibt. Vor gerade einmal drei Jahren gegründet, bringt der E-Auto-Hersteller in diesem Jahr ein wirklich ernst zu nehmendes smartes Konkurrenzprodukt zu Tesla auf den Markt. Wir haben Probe gesessen und waren ausnahmslos begeistert. In Nanjing hat das Unternehmen ein Werk für 300.000 Einheiten gebaut – in zwei Jahren. Ketzerisch könnte man sagen, in Deutschland hätte man in derselben Zeit das Brandschutzkonzept durch die Verwaltung geboxt.

Auch der E-Commerce-Gigant und Alibaba-Konkurrent JD.com ist unfassbar schnell. 90% der Bestellungen kommen hier noch am selben Tag beim Kunden an. Und wenn Sie wollen, wartet ein JD.com-Mitarbeiter vor Ihrer Wohnungstür und nimmt Artikel direkt wieder retour, die Sie nach Begutachtung doch nicht behalten wollen. Möglich ist das durch etwa 3.000 Warenhäuser, die über das ganze Land verteilt sind und so besonders kurze Lieferwege garantieren.

Entscheidender Treiber für all diese Entwicklungen ist ein chinesischer Traum von wirtschaftlichem Aufstieg. Fehlende politische Freiheiten werden von den eisten Chinesen dafür gerne in Kauf genommen. Ein unbedingter Fortschrittsglaube, technologischer Ideenreichtum und ein dem Gesamterfolg Chinas verpflichtetes Unternehmertum prägen diese neue chinesische Identität. In dieser Radikalität hat China die USA längst überflügelt, von Europa gar nicht zu reden.

Deutschland und Europa haben ein politisches und soziales System, das wir in China schmerzlich vermissen und wir sollten davor nie die Augen verschließen. Aber wir sollten auch beginnen, China endlich als Konkurrenten im Wettlauf um die Vorreiterrolle ernst zu nehmen und von ihren Stärken für unsere eigene politische Agenda lernen.

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