Gesellschaftspolitik, Gesundheit, Politik

Wenn die Selbstverständlichkeiten bröckeln

Eine Chance für mehr Menschlichkeit in der Krise

von Georg Nüßlein, Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Foto: Adam Niescioruk/ unsplash.com

Mitten in der Stadt grüßen sich Passanten. Das ist neu und irgendwie gut. Vermutlich liegt es daran, dass nur wenige unterwegs sind. Denn: ‚Menschen meiden!‘ lautet die Anordnung. Wohin man blickt: Einzelgänger – für viele Ichlinge dieses Landes wohl unproblematisch. Eigentlich.

Im Bundestag werden Solidarität, Selbstlosigkeit und Miteinander beschworen. Gleichzeitig verbreiten sich Meldungen über Hamsterkäufe, Handgreiflichkeiten und mehr verkaufte Handfeuerwaffen, nicht nur in den USA. Während die gebeutelten Italiener für ihre Ärzte und Pfleger von den Balkonen singen, klatschen viele Deutsche nicht mal für sie. Hierzulande gibt es kaum organisierten Beifall für die „systemrelevanten“ Berufsgruppen. Weshalb? Gilt das als Ruhestörung?

Auf dem Weg zum Reichstag beschäftigt mich eine E-Mail: „Kein anderes Land ist so blöd, hochansteckende Corona-Kranke aus dem Ausland in seinen Krankenhäusern aufzunehmen.“ Der Schlagbaum im Kopf begrenzt die Menschlichkeit. Und verschattet meinen Blick auf die vielbeschworene Solidarität, die es freilich auch in Deutschland gibt. Norbert Blüm meinte mal: „Solidarität ist die politische Form der Nächstenliebe.“ Mir scheint sie häufiger eine Erwartungshaltung an andere zu sein. Eine Einbahnstraße sozusagen. Nachteile in Kauf nehmen, um im Bedarfsfall eine Gegenleistung anderer zu bekommen: Frei nach Habermas die durchaus auch eigeninteressierte Idee von Solidarität. Ob es eine Idee der Mehrheit in diesem Land ist? Ich bin mir in meinem Groll nicht sicher. Coronamasken taugen zuerst dazu, andere vor Tröpfcheninfektion zu schützen. Teuer gekauft werden sie aus der anderen, eigennützigen Perspektive.

Es wird schwierig im Land der Selbstverständlichkeiten. Erst kann der Shutdown nicht weit genug gehen, dann geht er schon zu weit. Vor sechs Wochen noch – es kommt mir vor wie eine Ewigkeit – ging es um Boom, sprudelnde Steuereinnahmen, Vollbeschäftigung – alles gern genommen, alles selbstverständlich. Das „reiche“ Deutschland kann sich derweil auf Weltrettung verlegen. In den Medien nur noch Greta. Jetzt auf einmal aber geht es um Existenzen. In den Medien nur noch Corona. Deutschland kann nur schwarz oder weiß. Dazwischen nichts. Jedenfalls kommt mir das auf dem Weg entlang der Spree zum Bundestag so vor. Zu groß der Ärger über die E-Mail.

Das Reichstagsgebäude im Blick ändert sich die Perspektive. Vielleicht birgt die Krise gerade die Chance, den Abstand zu „Ich-Menschen“ und Hysterikern zu vergrößern. Nach der Devise: Ellenbogen einfahren, Ego zurücknehmen, Respekt zeigen, Menschen grüßen. Jetzt kann man das üben. Zeit zur Selbstreflexion ist da.  Selbstverständlichkeiten schätzt man, wenn sie weg sind.

Im Büro warten Gesetzestexte. Wir Politiker versuchen, Zeit zu gewinnen, um Beatmungsbetten zu installieren, Kapazitäten im Gesundheitswesen auszubauen. Das sollten wir auch mit unseren Kapazitäten an Menschlichkeit und Mut tun – sie erweitern. Das hilft.

Diskussionsbeitrag schreiben